Der Fall ins Schulzlose

Wie tief – fragt sich heute mancher – kann man eigentlich noch fallen? Und wo wird denn nun der Tunnel sein, an dessen Ende man das Licht erblickt – in der Hoffnung, dass es nicht ein heranrasender Schnellzug sein möge…

Die Reste der SPD proben das gerade – und ich muss gestehen, dass mir bei dem Treiben mulmig wird, denn das politische Personal scheint aus dem Karussell in der Abwärtsspirale nicht mehr rauszukommen; auch aus der Tiefe tönt nur noch das monotone ‚ommmmmm‘ zu uns hinauf. Dabei wäre es an der Zeit, diese ganzen standardisierten Analyse-Brocken der Niederlage auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen und die Zwangs-Schlussfolgerungen endlich abzuwerfen.

Das führt zum ersten und heftigsten Problem: Gewiss gibt es so etwas wie Solidarität und Partei-Raison, aber wir wissen auch, dass es nicht 400.000 Menschen/Parteimitglieder gibt, die alle einer eindeutigen Gesamt-Welt-Deutung folgen: mithin gehört der Diskurs, der Widerspruch und der Kompromiss zum täglichen Politik-Geschäft. Aber was verführt dann die Mitglieder der mittleren Führungsebene – als solche würde ich die karriere- oder geltungsorientierten Parteitagsabgeordenten einstufen – dazu, diese messianische 100%-Erweckungszeremonie in bester (altbekannter SED-)Manier durchzuziehen, die Martin Schulz später immer wieder zu Kopf stieg (..’und sage das als der von 100% gewählte Vorsitzende/Kandidat..‘). Übrigens kann man mit diesem Argument nicht die Dürftigkeit oder Nicht-Mehrheitsfähigkeit von Diskussionsbeiträgen heilen, man exponiert sie dadurch eher…
Damit war die 100%-Linie gezogen, hinter der man nicht mehr zurückweichen konnte: Einer für alle, alle für Einen! Die Ja-Sager hatten nicht nur die Mehrheit übernommen, sie hatten das Alles übernommen.

Und dann konnte kommen, was wollte: Nach dem kurzen Rausch des Polterabends klatschte es in den Landtagswahlen, die Zustimmungswerte sanken – egal! Die Ja-Sager sangen fröhlich alle Deutungslieder mit.

Und schließlich das Debakel. Der Führungs-Schulz konstatiert in 100%-Manier, dass er sich bestraft und abgewählt sieht und deshalb die Partei mitnimmt auf die Reise ins Oppositions-Sanatorium. Okay, das mag für einen bewegten Wahlabend durchgehen, aber danach müssen doch wieder die Lampen angehen, die Denkfähigkeit muss doch irgenwann wieder hergestellt werden – wenn nicht bei Schulz, so doch bei anderen!

Und was passiert dann? Nix, einfach garnix! Da wird der Schwanz eingezogen und brav nachgeplappert: Schwesig, Dreyer, Nahles, Schäfer-Gümbel (die fielen mir als erste auf…) führen die Parade der Ja-Sager an und plappern alles nach, was der Große-100%-Vorsitzende spontan (??) verkündet hat.

Und was immer danach passierte: die Ja-Sager blieben nahtlos in der Spur, der Wendehals gehört ja zur Grundausstattung. Nur ein Spaßverderber hat das ganze nicht richtig verstanden: Da hat der Kühnert doch wirklich ernst genommen, was der Große Vorsitzende am Wahltag verkündete – und damit den Großen Vorsitzenden von 2017 zum größten Gegner des Großen Vorsitzenden von 2018 gemacht.

Dass nun alle SPD-Ja-Sager den Adenauer-Kurs durchlaufen (…was interessiert mich mein Gerede von gestern…), nimmt man einfach hin. Denn es geht ja auch noch um eine zweite Ebene – nach oder vor der Gesinnungsebene? -, nämlich um die Postenebene: Da lassen die Ja-Sager niemanden in die Phalanx! Das wird erstmal untereinander verteilt und für das böse Rücktr…-Wort hat sich ja schon jemand geopfert. Dass nun die engste Vertraute und nahtloseste Mitmacherin das Erbe anstreten soll – das hat man im inneren Ja-Sager-Zirkel schon beschlossen.

Ja, wir kennen das: Ganz Gallien ist besetzt, nur ein kleines Dorf in der Bretagne leistet noch Widerstand….vielleicht heißt dieses Dorf heute Flensburg….

Schulz findet die verschollenen Lasalle-Tagebücher

Sozialdemokratie in den Grundfesten erschüttert!

Das hat man bisher noch nicht gesehen: Genossen, die in den letzten Tagen nach der Wahl der Wort ‚Elend‘ schon gruppenweise skandierten, konnten es nicht fassen: Martin Schulz, gerade von der Inventur in seiner Würselener Buchhandlung kommend, hat eines der letzten  Geheimnisse der Sozialdemokratie gelüftet und damit die Büchse der Pandora geöffnet! Die Tagebücher von Ferdinand Lasalle, dem Ur- und Übervater der deutschen Sozialdemokratie, wurden in der Teeküche der Buchhandlung in einem Putzmittelregal gefunden!

Und die erste Sichtung brachte gleich völlig unerwartete Wahrheiten ans Tageslicht: Die Gründungslegende der deutschen Arbeitervereins, unendlich oft wiederholt und natürlich mit Wikipedia kanonisiert (wie der Eisengehalt des Spinats), muss neu geschrieben werden!

Lasalle gesteht in seinen handgeschriebenen Tagebüchern, die in schwarzem Leder gebunden sind (mit rechts unten auf der Vorderseite goldgeprägtem AH = Acta Historica), dass die Gründung des Arbeitervereins ein Hintertreppenwitz gewesen ist. Eigentlich sei er auf dem Weg zu einer Übungsstunde seines Turnvereins gewesen, aber der Droschkenkutscher – offenbar ortsunkundig – habe ihn falsch abgesetzt, sodass er statt bei seiner Turnerschaft in einer Arbeiterversammlung gelandet sei. Zufällig hätte ein Bekannter ihn sogleich erkannt und zu einem Umtrunk animiert, während die Versammlung begann.

Da man sich nicht auf einen Versammlungsleiter einigen konnte, wurde einfach ein Knäuel Garn in die Luft geworfen, um völlig demokratisch-zufällig einen unbescholtenen Teilnehmer zum Versammlungsleiter zu bestimmen. Und dieses Knäuel habe ihn getroffen, womit das Unheil seinen Lauf nahm.

Er habe das alles für einen Scherz gehalten, aber nach dem fünften Bier einfach mitgemacht. Der Versammlung ging es ähnlich; und als er in Bierlaune noch den Vorschlag machte, den Vorstand mit 23 Personen zu besetzen, weil an diesem Tag der 23. Mai war, stimmte natürlich die ganze fröhliche Gesellschaft zu. Was als Spaß gemeint war, wurde so Ernst – zumal es damit auch für viele aus der Ferne angereisten Teilnehmer bedeutete, dass man zumindest ein Amt mit nach Hause bringen konnte – wenn das nicht nahtlos an die Jetzt-Zeit anschließt…

Als er am nächsten Morgen erwachte, bekam Lasalle es mit der Angst zu tun, da er bei dem ganzen Schlamassel ja zum Schluss auch noch die Hauptrolle übernommen hatte. Um dem ganzen einen seriösen Anstrich zu geben, schloss er sich mit vier anderen Versammlungsteilnehmer an den folgenden drei Tagen ein und sie ‚erfanden‘ im Nachhinein alle wichtigen Briefwechsel, die später belegen sollten, dass Lasalle im Vorfeld schon eine entscheidende Rolle in der Diskussion gehabt haben sollte. Und diese Männerfreunde, die sich später noch den Gruppennamen ‚Rote Hand‘ gaben – hielten dicht und täuschten so die gesamte Nachwelt – was für eine Leistung!

Schulz gab nach dieser Anekdote auch eine weitere, tiefe Betrübnis zu. Sie betrifft die sonst so oft gelobten ‚Väter des Grundgesetzes‘ (die heute korrekt ‚Eltern‘ heißen müssten – von Muttis wolle er nichts mehr hören..), die die sozialdemokratischen Traditionen verhonepiepelten, da sie das heilige Datum der Sozialdemokratie einfach als Gründungstag der neuen Bonner Verfassung annektiert hätten – die Missachtung durch die Christdemokraten und deren Ideen- und Datums-Klau habe schon Tradition!

Und schließlich könne die Gründung nicht beanspruchen, allgemeingültig gewesen zu sein: nach Lasalles Geständnis in den Tagebüchern waren es in der Tat ausschließlich Teilnehmer aus Leipzig, Hamburg, Harburg, Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Barmen, Solingen, Frankfurt am Main, Mainz und Dresden anwesend – und damit definitiv kein Teilnehmer aus Würselen. Das treffe ihn als ehemaligen Bürgermeister in Sonderheit und mache – da Würselen schon immer eine Hochburg der Arbeiterbewegung gewesen sei – den ganzen Gründungsakt zu einem Willkürunternehmen einiger weniger trinkfester Berufsdemonstranten aus nicht repräsentativen Ecken des Kaiserreichs.

Und das war für Martin Schulz – gerade brutalst abgestraft als sozialdemokratischer Volkstribun – der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: es müsse ein-für-alle-mal reiner Tisch gemacht werden: Da Beginn und derzeitiger Zustand der Sozialdemokratie nur auf Irrtümern beruhe, erklärte er die Partei für von Anfang an ungültig und damit per sofort hinfällig. Die ordnungsgemäße Abwicklung der Restbestände würde als Organ-Nachfolgerin eine Selbst-Entleibungs-Partei/Aufbauorganisation (SED/AO) übernehmen. Widerreden werde er nicht dulden, da er schließlich mit 100% aller Irrtümler-Stimmer gewählt worden sei, das sei auch das einzige Faktum aus der alten Partei, das er anerkenne.

Unmittelbar nach der internen Bekanntgabe kamen laut Berichten aus gewöhnlich gut informierten Kreisen schon drei Depeschen in der Ex-Parteizentrale an: Schröder, Dohnanyi und Müntefering gratulierten den Resten der Nicht- oder Nur-Spass-Gewesen-Partei: Gottseidank keine Opposition, denn die sei bekanntermaßen ‚Mist‘. Dass Martin Schulz darauf leise ‚Sie haben mich nicht verdient‘ gesagt haben soll, wurde im Flurfunk verkündet, es gibt dafür aber keine eindeutigen Beweise. Aber lassen Sie uns – als pietätvolle Berichterstatter – nun einfach den Mantel des Schweigens über diese Szene legen und allen Betroffenen unserer aufrichtigen Anteilnahme versichern…

Gute Schulen sind im Interesse der Eltern

…..und nicht möglichst viele Schulen! (HNA, 1.3.17)

Man handele ja nur im Interesse der Eltern, so versichern die roten und schwarzen Partei-Vorsprecher nach der Weigerung des Kreis-Schulausschusses, die dringlich geratenen Umorganisation der Sekundarschulen in die Wege zu leiten: Alles muss so bleiben, wie es war, egal was Ministerium und Verordnungen oder Schulgesetze so vorschreiben oder wünschen. Ist ja Wahljahr und nur keine Feinde machen! (siehe auch den Beitrag „Behandelt Oberschulen wie Gymnasien„)

Warum sollten auch sinkende Schülerzahlen zu Maßnahmen führen – es gilt immer noch – wie zu Zeiten der Titanic – die Devise:  „Der letzte macht das Licht aus!“ And the band played on….

Nun macht sich also die Politik selbst überflüssig, sie mag einfach nur noch zusehen, wie der Elternwille die Kreisgelder ausgeben mag und zeichnet Blanko-Schecks.

Nochmals zur Erinnerung: Mini-Schulen mögen zwar kuschelig sein, sie bieten aber niemals eine Vielfalt und eine Differenzierung wie sie nur in größeren Einheiten angeboten werden kann: das nützt natürlich nur den Schülern, nicht dem Elternwillen. Ein fast marxistisches Szenario: die Politik  (wie dereinst der kapitalistische Staat) stirbt langsam ab und überlässt den sich entwickelnde Individuen (dem Proletariat) die Verfügungsmacht über Produktionsmittel und Gesellschaft, deren Teil die Schulen sind. Basisdemokratie – oder nur der Weg zum Wohlfahrtsausschuss mit allen bekannten Verirrungen, die uns die Geschichte schon gezeigt hat?

Um es zu wiederholen: Für den Schüler muss die Schule sorgen, nicht für das Gebäude! Bei 30 Schülern und zwei Zügen gibt es in der Oberschule schlicht einen Hauptschul- und einen Realschul-Part. Basta. bei einer Zusammenlegung zweier Zwergschulen wird die Versorgung direkt besser, da allein durch die Klassenteilung mehr Spielraum geschaffen wird: bei 60 Schülern je Jahrgang kann man sowohl 4 Klassen á 15 Schülern als auch 3 Klassen á 20 Schüler bilden. Nimmt man die 3-Klassen-Variante, steigt unmittelbar die Lehrer-Versorgung der Schule, da eine Lehrkraft freigesetzt wird. Und da wundern sich manche Schlauköpfe im Land, warum an Oberschulen in den letzten Jahren immer die ’schlechteste‘ Unterrichtsversorgung zu verzeichnen sei – kein Wunder, wenn überall im Land so wie im Kreis Northeim die Klein-/Restschulen, die unter Schüler-Schwindsucht leiden, weiter gepampert werden. Hier fehlt die Organisationsreform, die mittel- und langfristig die Qualität und Finanzierbarkeit der Schulen sicherstellt.

(Zur meiner Einschätzung der Situation siehe auch „Tag der Warmduscher“)