Lemminge im Kreishaus

Ein neuer Radweg, ein Verbindungsweg: Jubel im Ausschuss, 100% Zustimmung der Kreistagsmitglieder, 4,5 Millionen für den ‚Rohbau‘ eines Radwegs durch den Solling, Folgekosten egal….Benutzerfrequenzen noch völlig egaler…Die Lemminge stürzen in das Meer der gnadenlosen Ja-Sager….

Ich hatte dazu einige Fragen, die vom Kreistagsbüro beantwortet wurden im Namen der Landrätin. Die Fragen und Antworten in Anhang 1. Das Ergebnis für mich: stark unbefriedigend und der Eindruck, dass hier ein blanker Aktionismus stattfindet ohne Rücksicht auf tatsächliche Notwendigkeiten. Aber lest selbst:

Offener Brief
An
Fr. Landrätin Astrid Klinkert-Kittel
Kreishaus
37154 Northeim

Sehr geehrte Frau Klinkert-Kittel,

vielen Dank für Ihre Ausführungen zu meinen Fragen anlässlich der Kreistagssitzung vom 8.7.2020, die ich am 15.7. von Ihrem Kreistagsbüro erhielt. Im Verlauf der Lektüre Ihrer Antwort ist mir eines spontan eingefallen: es gibt scheinbar bei diesem Thema (und anderen) eine Wirklichkeit, die Bürger in ihrem Lebens-Umfeld erfahren, und eine Verwaltungswirklichkeit.

Lassen Sie mich das an zwei Punkten festmachen: Die Kosten des Gutachtens spielen sie auf 2Teuro herunter, obwohl das Gutachten ca. 30 Teuro gekostet hat. Uns als Steuerzahler interessiert es dagegen nicht, welche Kasse wieviel beigesteuert hat und ob etwas aus der EU-Kasse oder den Gemeindekassen kommt: Jeder Cent davon kommt aus unseren Steuerbeiträgen und wir erwarten zu Recht, dass diese Gelder nicht für sinnlose Beschäftigungsmaßnahmen ausgegeben werden.

Dazu kommt als zweiter Punkt eine Gutachten-Gläubigkeit, die ich nicht nachvollziehen kann: Da wird ein 10 Jahre altes Tourismus-Gutachten hervorgezogen, das wohl bisher folgenlos in der Schublade geschlummert hat. Falls es eine Evaluation (Historischer Ist-Zustand, Planzustand, heute erreichter Zustand mit qualitativen und quantitativen Messkriterien) gegeben hätte (nach 10 Jahren wohl mehr als überfällig), wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir verraten würde, wo diese zu finden sei.
Dieses Gutachten, das den Anschluss von entfernteren Gemeinden an ein gut frequentiertes Fernradwegnetz in Betracht zieht, ist aber hier völlig irreführend, da es im Solling keinen stark frequentierten Fernradweg gibt. Und der geplante Weg hat das auch nicht vor, sondern will einfach nur die Hauptorte Bodenfelde, Volpriehausen, Hardegsen und Nörten verbinden. Eine Verbindung, die es übrigens schon gibt und die bereits im Jahre 2001 von Meinolf Ziebart (ADFC) in einem Brief an den Landkreis gelobt wird – bis auf die Beschilderung (zitiert im Anhang).

Und dann haben wir ein Gutachten, dass für eine mittlere Großstadt mit ‚Speckgürtel‘, wo im Zentrum Einzelhandel und Verwaltung geballt zu finden sind (Braunschweig kommt diesem Bild sehr nahe), sicher passen könnte, aber nicht für ein wenig bevölkertes Waldgebiet. Es werden Schlagworte wie ‚Multimodalität‘ übernommen, die auf die konkrete Situation einfach nicht passen wollen: Für den ÖPNV und den Touristikradler braucht es in dem kleinteiligen Abschnitt von ca. 40 km zwischen Bodenfelde und Nörten keine Ladeinfrastruktur, da E-Bikes über Reichweiten von ca. 80-100 Kilometer verfügen; an welche Massen von Menschen denken Sie, die mit E-Bikes zum (Bus-) Bahnhof in Uslar oder Hardegsen strömen und dort Abstellplätze suchen?
Fahre ich nach Hardegsen mit dem E-Bike, um dann in den Zug nach Northeim oder den Bus nach Nörten oder Göttingen zu nehmen? Und in Göttingen dann mit dem Stadtbus zu Sartorius oder in den Bereiche Uni Nord zu fahren? Da fährt der geneigte E-Biker doch einfacher und schneller direkt dahin, wo er arbeitet. Oder nimmt sein Rad in der Bahn schlichtweg mit. Und wenn doch: über welche Anzahl von Berufspendlern reden wir da überhaupt? Wo und in welchen Frequenzen stellen Sie sich welche Personen vor, die welche ‚Multimodalitäten‘ nutzen? Ich bitte um Beispiele, da meine Phantasie dort nicht ausreicht.  

Ihrer Antwort nach haben Sie sich über die realistisch zu erwartenden Nutzer sowohl aus dem touristischen als auch aus dem Pendlerbereich keinerlei Gedanken gemacht bzw. sich auch nicht bemüht. diese Zahlen durch empirische Verfahren zu ermitteln. Das ist so, als ob ich an einem bestimmten Platz ein Haus bauen würde, aber mich vorher nicht darum kümmere, ob die Parzelle nicht doch eine Moorlandschaft sei oder an einem Steilhang läge. Es geht ja nur um 4,5 und mehr Millionen Euro. Dazu passt natürlich, dass auch eine Folgekostenabschätzung fehlt. Das ist Blauäugigkeit, die im privaten Bereich niemals durchkommen wird, scheint aber tolerabel, wenn es um die anvertrauten Steuergelder geht. Da wären wir wieder beim ersten Punkt…

Überrascht hat mich darüber hinaus, dass Sie meinen, dass Radfahrer nach 20 km den äußerst beliebten Weserradweg verlassen, um sich zur Leine durchzuschlagen bzw. dass der Weserradweg 20 km vor dem Ziel verlassen wird. Ich habe diese Frage vielen Radfahrern gestellt (30-40), die bei diesen Alternativen eigentlich immer nur ein Kopfschütteln zeigten – Verwaltungswirklichkeit hat auch hier nur begrenzten Kontakt zum gelebten Leben, dazu kommt dann natürlich politischer ‚Korpsgeist‘, der es verbietet, eine andere Antwort zu geben.
In dem bereits zitierten Brief von Meinolf Ziebart ist dieser zufriedenstellende Weg eine Tour für Tagesradler aus dem Kreis und eine mögliche Fortsetzung des Diemel-Radwegs, denn die Weserradwegfahrer haben ein Ziel: den Weserradweg zu befahren und keinen anderen Weg. Der Leineradweg mit Start in Leinefelde ist eine andere Tour und wird es auch bleiben.

Zudem kann ich Ihnen auch verraten, dass passionierte (ältere) Radfahrer eine ganz andere Route von Bodenfelde nach Nörten bevorzugen, nämlich die Süd-Route über Parensen-Asche-Lödingsen, auf der man recht bequem fahren soll. Aber diese Route hat natürlich den ‚Nachteil‘, dass sie zum Teil durch den Kreis Göttingen führt – und die Auftraggeber des Gutachtens sind schließlich Uslar und Hardegsen.       

Auch das, was Sie als Qualitätsradweg sehen – den Betonstreifen mit 3 Meter Breite – würde ich eher kontraproduktiv einstufen: statt einer abwechslungsreichen, in die Landschaft eingebetteten Streckenführung mit Feldwegen zwischen Äckern und Wiesen und Waldwegen in Wäldern soll eine Einheitsversiegelung erfolgen: bei 40 km sind das 120.000 qm Betonpiste. Monokultur statt Vielfalt.
Beton für ‚rasende‘ E-Biker als ‚Qualitätsziel‘ scheint ihre Idealvorstellung zu sein statt wassergebundener Schotterdecken, die wohl eher die Zustimmung aller Personen finden, die dem Ober-Ziel ‚Ökologie‘ verpflichtet sind und die wohl besser in Einklang mit dem Naturerlebnis im Solling zu bringen sein sollten. Entsiegelung statt Versiegelung – haben Sie daran schon einmal gedacht?
Wenn ich mich recht entsinne, war vor kurzer Zeit eine Diskussion im Schulumfeld, ob 100 qm eines Schulhofs betoniert werden sollte, was zu einer großen Diskussion hinsichtlich des Generalthemas ‚Umwelt‘ führte; gibt es da etwa zwei Maßstäbe?

Um etwas auch nochmals klarzustellen: Wenn es Verbesserungspotentiale gibt, dann sollte man etwas dafür unternehmen – aber immer mit Hinblick auf Kosten und Nutzen bzw. Anzahl der Nutzer. Es könnte auch jemand kommen, der es schön fände und darüber hinaus ein touristisches Potential erahnte, wenn Schloss Nienover einen Anschluss an das Bahnnetz hätte und einen eigenen Bahnhof – aber wem wird das nutzen, außer den Hoch- und Tiefbauunternehmen? Würden Sie da auch sofort aufspringen?

Sie können noch lange von Touristenströmen, Qualitätsradwegen, Infrastruktur, Ladesäulen, Multimodalitäten, Ausbau des ÖPNV und Servicequalität reden – die Frage ist aber, für wen bzw.  wie viele Nachfrager das gemacht wird und was es letztlich pro Nutzer kostet und was es für unseren Landkreis bringt: Und diese Hausaufgaben sind nicht gemacht, sondern es wird einfach mal so ‚drauflosgefördert‘ ohne Abwägung von Aufwand und Ertrag; das ist übrigens eines der Hauptmerkmale von Luxus: Das Fehlen von Verhältnismäßigkeit…und deshalb bleibe ich bei der Bezeichnung ‚Luxus-Radweg‘.   

Anhang 1: Der Beginn des Meinungsaustauschs bzw. der Fragen an die Landkreistagsentscheidungen:

Meine Fragen – die Antworten des Kreistagsbüros zur Bürgerfragestunde der Kreistagssitzung

Sehr geehrter Herr Windhorst,

bezugnehmend auf Ihre Einwohnerfrage vom 8. Juli 2020 kann ich Ihnen folgende Antwort mitteilen:

Aus welchem Grund wird eine bestehende und allgemein als in gutem Zustand befindliche Radstrecke als Luxus-Radweg geplant?

Vor dem Hintergrund der „Mobilität“ als zentralem Zukunftsthema verfolgt der Ausbau des Radweges und u.a. die Bereitstellung von Ladeinfrastrukturen und sicheren Abstellmöglichkeiten an den Bahnhöfen und Omnibusbahnhöfen der Hauptorte, die Ziele, den ÖPNV zu ergänzen, die Elektromobilität und somit auch die Multimodalität in der Region weiter auszubauen.

Hinsichtlich der Oberflächenbeschaffenheit und Wegebreite orientiert sich die geplante Ertüchtigung der bereits vorhandenen Wege u.a. an den Anforderungen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) an Qualitätsradrouten. Die Bezeichnung „Luxus-Radweg“ ist insoweit irreführend und falsch, soweit der Eindruck entsteht, hier werden darüber hinausgehende – unverhältnismäßig höhere – Maßstäbe angelegt.

Das für den Landkreis Northeim bereits in 2010 vom Europäischen Tourismus Institut GmbH in Trier erstellte Tourismusgutachten empfiehlt im Übrigen ausdrücklich, die nicht an den Fernradwegen liegenden Gemeinden im Rahmen des weiteren Ausbaus des Radwegenetzes trotz streckenweise schwieriger topographischer Bedingungen durch Anschlusswege anzubinden und durch weitere flankierende Maßnahmen (z.B. Verbesserung des Wegezustands, Serviceangebote, Vermarktung) das bestehende Infrastruktur- und Dienstleistungsangebot für Radfahrer konsequent auszubauen und zu verbessern.

Wer trägt die Kosten für das Böregio-Papier und wie hoch sind diese?

Die Kosten für die Durchführung der vorbereitenden Untersuchungen und Darstellung der Handlungsbedarfe betrugen rd. 29.800 € und sind als LEADER-Projekt zu 80 % aus EU-Mitteln finanziert. Neben der Beteiligung der betroffenen Kommunen betrug der Kofinanzierungsanteil des Landkreises Northeim rd. 2.100 €.

Wie lauten die geschätzen Zahlen für die Nutzer-Frequenz und wie sind diese erhoben worden?

Geschätzte Zahlen für die Nutzer-Frequenz liegen nicht vor.

Wie hoch sollen die Zahlen für Weser-Radweg-Verlasser und für den ‚Berufsverkehr‘ sein?

Hierzu gibt es keine Vorgaben.

Wie viele von den 55.000 Radtouristen des Weserradwegs nutzen den letzten/ersten Abschnitt zwischen Hann.Münden und z.B. Hameln?

Nach der Radverkehrsanalyse für den Weserradweg (Stand 12/2018) gab es an den in Frage kommenden Dauerzählstellen Oedelsheim (LK Kassel) und Hess. Oldendorf (LK Hameln-Pyrmont) für das Jahr 2017 folgende Zahlen:

Oedelsheim:                             61.254 (Jahr/ 01.01. bis 31.12.) und 55.964 (Saison/01.04. bis 31.10.)

Hess. Oldendorf:                      79.366 (Jahr) und 70.966 (Saison)

Glauben Sie, dass ein Weserradweg-Tourist bei Start in Hann.Münden diesen nach 20 Km verlässt, um nach Nörten zu fahren und später irgendwann bei Hameln zurückzukehren?

Die Frage kann so nicht beantwortet werden, da die Nutzergruppen entsprechend ihrer Hauptmotive differenziert zu betrachten sind (z.B. Radreisende, Tagestouristen und Fahrende im Alltagsradverkehr). Gleichwohl werden Radreisende (Reise als Hauptmotiv, mit Übernachtungen) unter der Voraussetzung einer im Vergleich zum Weserradweg nicht abfallenden Wegequalität und weiterer positiver Gegebenheiten durchaus eine solche Route wählen.

Glauben Sie, dass ein Weserradwegtourist, der von Norden kommt, den Radweg 20 Km vor dem Endpunkt in Hann.Münden-Weserstein verlässt, um nach Uslar zu fahren?

Unter Berücksichtigung der vorherigen Ausführungen JA.

Ist berücksichtigt, dass dieser Radweg bei schlechter Witterung und im gesamten Winterhalbjahr wahrscheinlich überhaupt nicht nutzbar ist?

Es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass der Radverkehr insgesamt bei schlechter Witterung (Unwetter, Starkregen, Schneefall,-glätte usw.) abnimmt, aber bei entsprechend guter Witterungslage ganzjährig, also auch in den Wintermonaten, weiterhin stattfinden kann, insbesondere auf einem Radweg mit einer sehr guten Oberflächenbeschaffenheit.

Im Übrigen wäre eine solche Annahme, das „Totschlagsargument“ für alle touristischen Radwege.

Warum muss für den Radweg eine flächendeckende Bodenversiegelung in 3 Meter Breite angelegt werden? Das ist sicher kein ökologisch priorisiertes Verfahren?

Ein großer Anteil der – insgesamt bereits bestehenden – Wege ist bereits asphaltiert und von unterschiedlicher Qualität. Die Verbreiterung und darüber hinausgehend zusätzliche Asphaltierung ist für die Erlangung des begehrten Qualitätsniveaus (siehe erste Frage) erforderlich.

Welche Kosten für Wartung, Instandhaltung und Ersatzbedarf kommen pro Jahr auf den Kreis zu?

Nicht bezifferbar. Der Landkreis ist bestrebt, mit den betroffenen Kommunen Vereinbarungen bezüglich der Unterhaltungskosten zu treffen.

Welche Netto-Erlöse werden erwartet?  Welcher Zusatzumsatz der Tourist-Fahrer wird im Kreisgebiet erwartet?

Die Entwicklung von Erlösen in Folge des Ausbaus der  Weser-LeinE-Route ist neben der Wegequalität und der begleitenden Infrastruktur mit flächendeckender kundenorientierter Servicequalität, insbesondere im Tourismusbereich, abhängig von weiteren Faktoren (z.B. Verbesserung der Angebots- und Servicequalität der Unterkunfts- und Gastronomiebetriebe, Vermarktung durch touristische Organisationen).

Derzeit kann daher eine Erwartungshaltung bezüglich Erlösen/Zusatzumsätzen nicht in Zahlen dargestellt werden.

Neben der touristischen Nutzung und daraus resultierender Wertschöpfung sind im Übrigen die mit der ersten Frage bereits beschriebenen Ziele Ergänzung des ÖPNV, weiterer Ausbau der Elektromobilität und der Multimodalität in der Region mindestens als gleichwertig zu betrachten.

Mit freundlichen Grüßen

Landkreis Northeim | Die Landrätin

Im Auftrag

Das Kreistagsbüro

Ellen Eickemeyer | Sebastian Kuhlmann

R 1 – Kreistagsbüro und Öffentlichkeitsarbeit

Anhang 2: Meinolf Ziebart, 2001, Brief an den Landkreis NOM

Zum Radfernweg Weser – Uslar – Leine

Er stellt großräumig betrachtet eine interessante Ost-West-Verbindung her. Aus Richtung Westen / Ruhrgebiet führt der Diemel-Radweg viele Radler an die Weser. Weiter in Richtung Osten kann man gut zur Leine wechseln und dann im Rhumetal Richtung Nordhausen weiterfahren. Die Verbindung von Bodenfelde über Uslar – Hardegsen – Nörten-Hardenberg ist topografisch relativ einfach und bietet gut ausgebaute und landschaftlich reizvolle Wege. Von Bodenfelde folgt man dem Schwülmetal-Radweg durch die Flußaue. Ab Vernawahlshausen gibt es gut befestigte Wege über Allershausen – Uslar Bahnhof nach Bollensen. Von dort nimmt man den zwar unbefestigten, aber gut befahrbaren Wirtschaftsweg am Waldrand über Gierswalde nach Volpriehausen.  Von dort führt nach Schlarpe ebenfalls ein guter Wirtschaftsweg. Lediglich ein Teilstück von etwa 1,5km liegt auf der B241 bis zum Goseplack. Von dort führen gute Sträßchen weiter über Lichtenborn nach Hardegsen und über Hevensen- Lütgenrode nach Nörten-Hardeneberg mit Anschluß an den Leineradweg. Das beigefügte TOP50 Overlay enthält bereits die Standorte für Wegweiser, wie sie bei einer Befahrung mit der Landkreis-Mitarbeiterin im Sommer 2001 dokumentiert wurden.