Flucht und Vertreibung

…ist das Thema im Museum Friedland

Vom Ansturm der Menschen auf das neue Museum Friedland war an diesem Sonntag nichts zu spüren, aber einige Interessierte fanden sich schon in der Ausstellung, die sich über ca. 6 Räume in zwei Etagen im alten Bahnhof Friedland erstreckt.

„Wenn ich es nicht aufschreibe, ist es irgendwann weg, logischerweise“ – so Guntram Vesper anlässlich der Veröffentlichung seines Erinnerungswerkes ‚Frohburg‘ – denn wenn ein Mensch sterbe, sei alles dahin, was er im Kopf gehabt habe, alle Geschichten, alle Erinnerungen. Und diesem Motto scheint auch die Ausstellung in Friedland verpflichtet zu sein – das Aufgeschriebene, das Papier dominiert den Rundgang. Und es dominiert das Nicht-Besondere, das Alltägliche, das ‚blöde‘ Ordnungsgeschäft; kleine Ausschnitte aus dem Leben von Protagonisten, deren Namen man im nächsten Raum schon wieder vergessen hat. Und es bedarf überhaupt keiner persönlichen Tragödie, denn die Tragödie waren die äußeren Umstände, in denen die Leidtragenden, die Vertriebenen und Flüchtlinge, versuchten ihr Leben und einen Rucksack voller Habseligkeiten zu retten bzw. einen erzwungenen Neustart zu machen. Und die Anlaufstelle Friedland mit Unterkunft und Laufzettel erscheint dann wieder wie ein erster kleiner Lichtblick, der Orientierung im Chaos bietet.

Wenn im weiteren Verlauf des Rundgangs dann auch Aussiedler- bzw. Übersiedlergruppen der 70er bis 90er Jahre thematisiert werden, ist das sicher informativ und ein Blick in die Ästhetik von jugendherbergsähnlichen Unterkünften in diesen Zeiten – gekrönt von menschenleeren Groß-Fotographien aus der Zeit der HEWI-Romantik -, hat aber mit dem Übergang von Chaos in die Ordnung, der die direkten Nachkriegsjahre prägt, nichts mehr zu tun: hier wird eine zivile Abfertigungslogik dokumentiert, die doch eher aussieht wie ein Reisebeginn im Flughafengebäude.

Für mich am beeindruckendsten: Der Raum der Suchanzeigen und Vermisstenbücher – kaum vorstellbar, welches Leid an jedem Photo hängt und in  jeder Seite der Bücher versammelt ist. Und auf der anderen Seite die Plakate mit aufgegriffenen Kindern, von denen in vielen Fällen noch nicht einmal der Vorname sicher bekannt war. Und das in einer Zeit, deren fortschrittlichsten Medium der Druck war, keine Telefone, keine Bildübertragungen, keine Datenbanken. Wieviele Stunden und Tage Menschen auf der Suche nach Angehörigen vor Büchern und Plakaten verbracht haben müssen, muss auch heute noch berühren. Und wenn nach einiger Zeit Mut und Hoffnung sinken, die Wahrscheinlichkeit, den geliebten Menschen wiederzusehen, in der Promillezone versinkt, dann bleibt eine letzte Hoffnung, dass zumindest irgendjemand noch weiß, wann und wo der Vermisste zum letzten Mal gesehen wurde oder gestorben ist. Und auch dieser Abschluss blieb vielen verwehrt.

Doch, es lohnt sich, die Zeitmaschine einmal anzuschmeissen, 70 Jahre zurückzugehen und sich auf die Nichtigkeiten der Zeit einzulassen, die nach dem Chaos kam. Der Audioguide ist technisch gut aufgestellt, allerdings sind die Beiträge zu lang und schwafelig. Eine 7-Minuten-Einführung (?? so ungefährt ??) über WW2 etc. mit allen ‚vorgeschriebenen‘ politisch korrekten Formulierungen ist m.E. in der Form überflüssig. Weniger wäre hier an vielen Stellen mehr.

Zum Schluss natürlich das ‚Lustige‘, man könnte es auch das ‚Listige‘ nennen – ein Eulenspiegel-Streich, den es nur in der Papier-Welt geben konnte: Ein Umsiedlungsschein aus Thüringen innerhalb Thüringens nach ‚Ilfeld‘. Da die Umzügler aber mitnichten in der sowjetisch-besetzten Zone bleiben wollten und die britische Zone mehr versprach, machte die Begünstigte auf dem Amts-Zettel aus ‚Ilfeld‘ ganz einfach ‚Alfeld‘ – schon klappte der Umzug in des Westen. Chapeau!