Nachbarschaft aus der Retorte

‚Quartiersgenerierung‘ am Harztor

Wie entsteht Nachbarschaft? Klar, man muss irgendwie in räumlicher Nähe leben. Aber ist räumliche Nähe gleichzusetzen mit Nachbarschaft? Wohl nicht, denn es gibt idealtypisch zumindest 3 Arten von Nachbarschaft: Gute, schlechte und neutrale. Und sie hängt ganz einfach von den Menschen ab: man mag sich aufgrund irgendwelcher Konstellationen in der Vergangenheit oder aufgrund neuer gemeinsamer Aktivitäten – das sind die älteren Herren, die schon im Sandkasten miteinander gespielt haben oder die jungen Familien, die sich aus Stillgruppe, Kindergarten oder Schule kennen. Gute Nachbarschaft entsteht nicht aus sachlichen Zweckgründen, sondern weil es gefunkt hat, weil man sich mag. Und die gleichen Mechanismen wirken, wenn der erste Streit über den Flur oder den Gartenzaun ausgetragen wird – die schlechte Nachbarschaft wird genauso, aber mit negativer Energie betrieben.

Und dann gibt es die, die einfach nebeneinander wohnen, aber keine Berührungspunkte haben. Die alte, gehbehinderte Witwe, die den ganzen Tag zuhause sitzt und der junge Akademiker, der tagsüber bei der Arbeit und am Wochenende auf Party ist: die haben keinen Kontakt, außer der Postbote hat einmal die Briefe in den falschen Kasten geworfen. Und die beiden haben nichts mit der jungen Familie zu tun, die den Spagat zwischen Doppelbeschäftigung und Kinderkrippe übt.

Und wenn ich auf mein näheres Umfeld schaue: wo fängt Nachbarschaft an, wo hört sie auf? Sicher, es beginnt am Gartenzaun, aber es endet genauso sicher schon 200 Meter weiter: Ich weiß nicht, wer am Neustädter Ring wohnt, wie er/sie/es heißt und was sein/ihr Lebenszweck und -ziel sein mag. Nur eins eint uns: Wir wohnen hier und ärgern uns alle über die im Sommer zugeparkte Straße am Bergbad – nicht wegen der Normalparker, sondern wegen der Parker, die im Halteverbot abstellen. Aber das ist es – und es ist kein Thema, das uns ‚zusammenschweißt‘.

Aber nun reicht ‚Nachbarschaft‘ nicht mehr – und die Eigenschaft ‚Bürger einer Stadt‘ ist zu weit weg von der erlebten Lebenswirklichkeit eines Mitglieds des Habits….also wird der Begriff ‚Quartier‘ in die Diskussion geschoben – im Rollstuhl natürlich, denn er kränkelt etwas, beseelt von des Gedankens Blässe. Das Quartier als eine Gemeinschaft Leidens- und Lebensgleicher, die in einer räumlichen Nahbeziehung leben. Oder einfach ein Quadrant auf dem Stadtplan? Niemand hat diesen Begriff bisher vermisst, aber nun wird einfach mal aufgesetzt, da einige (sonst wohl arbeitssuchende) Geografen das nun auf der Agenda haben – und in ‚Gutachten‘ vermarkten können. Sind schlechte Gutachten eigentlich Schlechtachten?

So ein Schlechtachten wurde nun für die Innenstadt Northeims erstellt. Das wäre auch noch hinzunehmen, wenn man es als einmalige ABM-Maßnahme verstehen würde. Aber nun kommen die Folgekosten: die nächsten ABM-Maßnahmen, die ernst nehmen, was die Einfalt der Schlechtachten postulierte.

Ich will nicht verkennen, dass es etwas ähnliches wie Quartier geben könnte – in der Schlichtsprache ist so etwas als ‚Kiez‘ bekannt, wobei der normale Hörer sofort an St.Pauli, Halbwelt und Puffbetriebe denkt. Das ist zumindest eine Welt, in der die Bewohner dadurch verbunden sind, dass sie die auswärtigen Vergnügungssuchenden nach besten Kräften ausnehmen wollen. Auch die kölschen ‚Veedel‘ sind ähnlich definiert, sie leben davon, dass man entweder ‚drin‘ oder ‚draußen‘ ist – systemtheoretisch ist das die Tendenz, eine stabile Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt zu errichten und aufrecht zu erhalten, die das Veedel=denKiez=das System als solches erhält.

Was macht also den Kiez zum Kiez? Da gibt es verschiedene Faktoren: am einfachsten das Hineingeborenwerden, die Sandkasten- und Schulfreundschaften, die Lebensumstände (..wir schaffen alle bei der Conti..), die gemeinsam frequentierten Orte wie Kirche, Kindergarten, Stillgruppe, Kaffeebüdchen, Supermarkt oder einziger Hausarzt im Kiez – also da, wo man sich öfter trifft und evtl. auch einmal ein Wort wechselt. Denn am Anfang war das Wort. Das Wort von Mensch zu Mensch. Das Wort, das Sympathie oder Empathie signalisiert, das Wort, das andere dazu bringt, auch etwas in das Gespräch einzubringen, das Wort, das ein ‚Netzwerk‘ entstehen lässt, weil aus zufälligen Kontakten Kontakte werden zu Menschen, die man schätzt und mag. Und genauso entstehen daraus Abgrenzungen, weil es Menschen und Worte gibt, die man definitv nicht mag. Es gibt nicht die eine große Gemeinsamkeit – es werden sich immer Gruppen bilden, die einen wie auch immer gefundenen gemeinsamen Nenner haben. Und dann auch die, die nicht dazu gehören.

Diese Dynamik ist nicht in der Retorte herstellbar. Zu glauben, dass man sich (wer ist sich???) alle zwei Wochen für 90 Minuten trifft und irgendwelche ‚Geschichten von Daheim‘ erzählt – und dass sich daraus ein ‚Kiez‘ ein ‚Quartier‘ entwickelt – das ist Lebensblindheit pur. Oder ABM.

Wenn Frau Dr. NN-NN dann erzählt: „Da ist soviel Potential..“, dann ist das eine Bankrotterklärung. Potential – ja, das gibt es immer, zum Guten und zum Schlechten… Und wenn in 500 Wohnungen 1000 Menschen leben, dann wohnen 1000 Menschen in 500 Wohnungen. Und wenn sie nichts gemeinsames haben, dann passiert auch nichts. Da mögen sich ABM-Kräfte und Aktivisten lang hinstellen und ein Nachbarschafts-Parship oder Kiez-Tinder planen, solange es keine echten Gemeinsamkeiten gibt, wird das alles nur akademisierte Beschäftigungs-Therapie unter Verbrennung öffentlicher Mittel sein.

Eigentlich ist es wie im Hamburger ‚Kiez‘: Geilheit lässt sich mechanisch erzeugen und kaufmännisch abkassieren, aber echte Zuneigung und Bindung muss sich aus den Individuen heraus entwickeln, ist unberechenbar und trägt den Lohn in sich selbst. ‚Sich mögen‘ ist chaotisch und Sozialtechnologie wird daran scheitern – es sei denn, der Sozialtechnologe mutiert vom Beobachter zum Teil des Systems und generiert selbst das ‚Mögen‘, die Adhäsion. Aber dazu muss man nicht Sozialtechnologe sein…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.