Es war 1967…und es war Sommer…

Nachrichten aus dem Jugend-Gulag

Es war ein vollkommen misslungener Sommer, dieser Sommer of 67…. Ich wurde zwangseingewiesen in das Jugendsommerlager nach Schwangau. In meiner Erinnerung ist fast alles gelöscht – so viel gab es auch nicht zu erinnern.. – aber das Internet und ich, wir vergessen niemals ganz.

Und dann gibt es auch noch das Papier, das ich unvorsichtigerweise meiner Tante hinterlassen habe und das kürzlich bei meiner Schwester wieder auftauchte. Hier also die Dokumentation meiner Passionszeit auf dem denkwürdigen Jahr 1967.

Schwangau, den 2.7.67

Liebe Tante!
Du weißt ja gar nicht, wie fürchterlich es hier ist. Ich wollte ja von Anfang an nicht hier her. Es ist ja so langweilig, und in diesem Kaff hier kann man nichts erleben. Das Essen ist schlecht und dazu viel zu wenig. Am liebsten würde ich den nächsten Bus am Mittwoch nehmen und zurück fahren. Grüße Lutz von mir und gratuliere ihm. Es ist fürchterlich wie ich gesagt hatte. Diese Karte kannst Du ruhig Mutti zeigen, denn von mir bekommt sie keine Karte.

Alles Liebe Dein Arndt

Schwangau, den 7.7.67

Liebe Tante!

Nur noch rund 10 Tage! Es ist aber immer noch langweilig. Besonders am Morgen, denn ab 2 Uhr kann man ja in die Stadt zum Minigolf-Platz. Bis man da zurück ist, dauert es rund 3 Stunden, dann kann man die Zeit schon totschlagen. Geweckt wird man schon um 8 Uhr, und so etwas nennt sich ‚Ferien‘. Schiet. Und dann noch dieser M. – dauern läuft er hinter mir her; jetzt ist er ja ausgezogen (Anm.: Wechsel vom Haus in ein Zelt) – gottseidank. Bis zum nächsten Leidensbericht von hier.

Viele Grüße Dein Arndt

Schwangau, den 10.7.67

(schick mir TT-Schläger)

Liebe Tante!

Es stimmt alles, was ich schreibe, auch mit dem Erleben ist es nicht viel her. Wenn nicht TT und Mini-Golf da wäre, wüßte man nicht, was man tun sollte. Hans ist jetzt im Zelt – gottseidank. Er hat wohl seinen Eltern vorgeplärrt, wie sehr ich ihn ärgere, da haben seine Eltern ihn wohl ins Zelt gesteckt. Wir haben uns jetzt ganz verkracht. Beim Essen gibt es zwar einen Nachschlag, aber man ist froh, wenn man die normale Portion hinunter hat. Und mit dem Tagebuch und so weiter brauche ich ja nicht, denn alles steht auf Lottes und Deinen Karten. Und auch das Wetter ist nicht immer gut. Nach meiner ersten Karte waren 2 Regentage. Es wechselt sich ab, aber es gibt wohl mehr Regen in diesem von Bergen umgrenzten Regenloch. Bekannte aus der Schule gibt es wohl, einige sogar. Ich säße lieber 6 Wochen zuhause als hier nur einen Tag verbringen. Auch einen Brief habe ich bekommen. Das waren Deine Fragen. Hier geht es mit allen Mitteln der Unhygiene zu. Das Schwimmbad ist von der Gesundheitspolizei geschlossen worden. Das Wasser aus der Leitung ist nicht trinkbar. Abtrocknen muss man auch noch für das ganze Haus. 80 Tassen, 80 Untertassen, 80 Teller, 80 Messer und das zu 2 Mann. Der Anmarschweg zum Dorf ist so lang, daß bei Sonne die Füße brennen. Ihr könnt mich am Freitag oder Donnerstag – ich weiß es nicht, die Olle hat ja den einen Brief noch – abholen, ungefähr um 8. Ich hab schon 30 Mark vom PSPB abgehoben – die anderen 20 von Dir sind ja zum Großteil auf der Zugspitzfahrt geblieben. Davon habe ich noch 4 Mark.

Herzliche Grüße Dein Arndt

Schwangau, den  12.7.67

Liebe Tante!

Ich freue mich natürlich sehr über Deine Briefe, aber der Inhalt ist nicht so richtig. Du versuchst, aus dem Schlechten noch etwas Gutes zu machen, aber man muß der Wahrheit entsprechend alles sehen. Ich bin auch nicht stur. Was ich sage kannst Du auch von anderen hören. Viele sind überhaupt nur gezwungenerweise hier. Und wenn alle sage, das sei herrlich, dann sind es nur die Eltern, die nie dabei sind. Mit Reiseerlebnissen ist nicht weit her, denn hier gibt es höchstens stundenlange Fußwanderungen, die auch selten sind. Dann mußten wir heute noch den Saal, der so groß ist, dass unser Haus zweimal hineinpassen würde, ausfegen. Das nennt sich Ferien. Und wozu diese vielen Sachen. Waschzeug, Schuhputzzeug, 3 Hosen, 3 Hemden ist alles, was ich bisher gebraucht habe. Auch für rund 250 Mark habe ich die Reise gemacht, und M. fehlt das Geld jetzt überall, und das alles nur aus eurer Sturheit, weil ihr nicht nachgeben wolltet. Und die Betreuer, die auch massenweise hier sind, bezahlen keinen Pfennig, denken nur an sich selbst und fressen sich von unserem Geld satt. Die haben immer etwas besseres als wir mit unserem Hundefraß. Dann gibt es hier morgens Marmelade von Apfelsinenschalen, die so bitter wie nichts ist.

Also bis zum Freitag Dein Arndt

Ein Gedanke zu „Es war 1967…und es war Sommer…“

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