Populismus und wie ich ihn erkenne

Phrasen und deren Einsatz in der Lokalpolitik

„Das ist purer Populismus!“ – dieser Vorwurf ist ja eine beliebte Einleitung für Killer-Argumente. Da wird aus der Hüfte geschossen, da kennt man keine Differenzierung und Kollateralschaden ist vorprogrammiert – außer man hat einen Rohrkrepierer produziert…

Jemand hat einmal treffend gesagt, dass Populismus wie Mundgeruch sei – den haben nämlich auch immer nur die anderen! Der Populist braucht immer den Gegner – notwendigerweise muss jemand da sein, der anderer Meinung ist, über die nicht diskutiert werden kann, sondern die grundsätzlich abgelehnt wird: das ist die Polarisierung und sie ergibt dann mit zunehmender Schärfe den ‚Feind‘. So etwas gibt es im beschaulichen Northeim nicht – möchten Sie meinen? Schauen wir doch einmal genauer hin – nämlich auf den Endkampf um eine Sporthalle in der kleinen Stadt am Rande der Welt – etwas größer zwar als Bullerbü, aber kleiner als die Stadt Bielefeld, deren Existenz durchaus nicht unstrittig ist.

Populismus lebt vom Gefühl, dass die geäusserte Meinung die Meinung der Mehrheit des Volkes sei – und die Gegner natürlich ‚die da oben‘, die nur ihre eigenen Vorteile suchen. Und da das Volk angesprochen wird, muss die propagierte Lösung/Meinung so einfach sein, dass sie jeder versteht. Dass dabei komplexe Zusammenhänge keine Rolle spielen (dürfen), ist dem Volk geschuldet: „Get Brexit done“ ist eine Paradebeispiel: Egal, wie schwierig und ggf. verlustreich die Trennung von UK und EU auch sein wird: Augen zu und durch, das wird schon! Dämmert manchem schon die Parallele in unserer kleinen Stadt: „Get Schuhwallhalle done“ – keiner kann konkret abschätzen, welche Belastungen kommen werden, aber Augen zu….

Ja, die Populisten verlesen dann den ‚Volkswillen‘ und liefern die (einfache) Lösung, die z.B. gegen die Herrschaft der Banken, die Raffgier oder die Nachgiebigkeit des Staates oder die Benachteiligung des Volkes durch die Kultur-Bourgeoisie vorgeht, um die Emanzipation des Volkes voranzutreiben. Aber statt Vermittlung und Kompromiss in der Sache zu suchen, richtet sich der Populismus auf die Empörung aus, die Mobilisierung jedes Milieus, das den Antreibern irgendwelche Mehrheiten beschaffen kann. Die AfD ist derzeit das Musterbeispiel, sie sammelt die Empörung und Unzufriedenheit quer durch das Spektrum der Bürger – anders kann man die Wanderungsbewegungen überhaupt nicht erklären, da zugleich Wahlgewinne aus Links, Rechts und Mitte generiert werden, die mit weltanschaulichen Entwicklungslinien nie zu beschreiben sein werden. Und so sammelt eine rechtsorientierte Führungselite die Empörten und Abgehängten ein – mal mehr, mal weniger je nach lokaler Erschütterung der gesellschaftlichen Schichten.

Weil auch bei vielen Bürgern Weltanschauung und Standpunkt mutiert sind zu Stimmung und Vorteilssuche; abhängig von lokalen Personen/Persönlichkeiten und deren Ruf bzw. der medialen Orchestrierung derer Auftritte ist derzeit jedes Ergebnis in Bund, Ländern und Kommunen möglich. Der politische Boden ist in permanenter Erdbebenstimmung – und ob der Sieger hinterher Tschentscher, Höcke, Ramelow, Kretschmann oder Günther heißt – alles ist möglich, aber es destabilisiert die früher so eherne ‚Mitte‘ und führt damit zu einer fortschreitenden Erschütterung.

Sehr einfach lassen sich populistische Tendenzen in den (sogenannten) Argumentationen erkennen: Die zu unterstützende These wird nicht begründet oder argumentativ untermauert, da sie ja sowieso die Mehrheits- und Volksmeinung sei, sondern es werden einfach weitere Thesen herangezogen, die mehrheitsfähig sind oder als Gemeinplatz anerkannt sind: „Den Obdachlosen werden die Hilfsgelder nur so zugesteckt, während unsere Straßen immer mehr zu Schlaglochpisten verkommen!“. Der Gegner ist in diesem Fall meinetwegen die Stadtverwaltung und das Thema eigentlich die Höhe von Sozialleistungen für bestimmte Gruppen. Das wird aber nicht begründet, sondern die Unfähigkeit wird mit einem zweiten Vorwurf, den auch weite Teile der Bevölkerung teilen könnten, untermauert, obwohl das eine mit dem anderen nicht in einer begründenden Beziehung steht. „Die Förderung des Sports wird vernachlässigt, während der bürgerliche Kulturbetrieb hoch subventioniert wird!“ Und so fort… – aber zurück zur ‚Heimat‘!

Get Schuhwallhalle done! Und wer nicht für den (Drittliga-)Handball ist, der will dem Breitensport die Halle wegnehmen! Dass die Diskussion nicht gegen Sport oder Halle ist, sondern es nur darum geht, in welchem finanziellen Rahmen eine vernünftige, d.h. finanzierbare Lösung gefunden werden kann, wird nicht akzeptiert, sondern immer sofort die „Alles-oder-Nichts-Frage“ gestellt. Wer nicht für uns ist, ist wider uns. Wer dem Drittliga-Handball nicht willfährig ist, der ist gegen Schulsport, Jugendsport und Breitensport, weil die ja in der gleichen Halle aktiv sind. So einfach wird man zum Buhmann. Nehmt es, wie es ist, diskutiert nicht, es mag 13 oder 15 oder 17 oder 20 Millionen kosten, get it done!

Perfide bis pervers wird es aber dann, wenn denen, die darüber argumentieren wollen, was angemessen ist oder nicht, vorgeworfen wird, sie betrieben billigen Populismus, weil sie immer wieder auf die Zusatzkosten eines Baus jenseits des Schul- und Breitensports hinwiesen; das wäre im übrigen nur eine Million und damit nicht diskussionswürdig. Implizit also: das ist doch der Handball wert, so denkt das Volk und das wollen wir nicht besprechen, sondern getan bekommen! Die bürgerlichen, unsportlichen Gesellen wollen uns den Sport madig machen und das lässt sich das Volk nicht gefallen! Es sei ja eine ‚Investition‘ in die nächsten 50 Jahre! Zukunft ist nicht diskutierbar! Aber die Bezahlung in den nächsten 20 Jahren? Kleingeister!

Und so kommen wir zum vorerst letzten Kapitel des Trauerspiels: ‚Populist‘ ist kein Wort, mit dem gelobt wird – und wenn ein Herr Schober in der Stadtratssitzung die Gegenpartei ohne jede Begründung als populistisch anprangert, dann erfüllt er genau die Strategie der Populisten, dem politisch Andersdenkenden herabzusetzen, statt mit ihm in eine Sachdiskussion zu kommen. Und eines hat Herr Schober auch aus der internationalen Politik gelernt – die USA lassen grüssen, wo zuerst der wunderbare Begriff der ‚Alternativen Fakten‘ aufkam: Wer als erster eine Zahl in die Diskussion wirft, der hat den Vorteil, das Momentum. Denn der Reflex ist, über die Schätzung zu streiten. Und durch dieses ‚Ernstnehmen‘ wird die Zahl erst zum Faktum. Nach kurzer Zeit hat sich diese Zahl etabliert und bestimmt die Diskussion – egal ob diese Zahl auf Fakten oder auf blanker Unverschämtheit beruht.

Die Northeimer Diskussion anhand dieser alternativen Fakten zu verfolgen, hat einen ganz eigenen Charme, angefangen bei der Verweigerung, irgendeine Zahl zu liefern: Eine Bauverwaltung wird über Jahre aufgefordert, ein Konzept für die Sanierung der Schuhwallhalle zu erstellen und die damit zusammenhängenden Kosten zu ermitteln. Die Bauverwaltung tut: nix! Die Zahl ist also irgendwo zwischen Null und Unendlich, sodass jeder mal spekuliert und eigene Fakten in die Luft setzen kann. Fazit Phase 1: Ungewissheit und Ungeduld – und damit der Boden für populistische Thesen: das klappt nicht, wir brauchen einen Neuanfang! Neuanfang ist immer gut, Altlasten weg, freier Horizont, keine Kompromisse, mit klarer Kante zum Ziel! Das ist positiv besetzt und (fast) immer mehrheitsfähig – und super als Polarisierung gegenüber den Flickwerkern und Knauserköpfen.

Da man aber planlos ist, kann das nicht richtig verwertet werden – und dann kommt der Sparkassen-Direktor, der Retter auf weißem Pferd, und bringt den Neubau samt VIP-Bereich ins Spiel, ein Architektenentwurf, den seine Firma finanziert hat und der zufällig auf einem Stück Land realisiert werden soll, das der Firma gehört.

Eine gute Tat, der die Mehrheit sich anschließen könnte! Aber leider war das Wort VIP-Bereich dabei. Das fällt durch, zumal die geschätzen Kosten bei über 11 Millionen Euro liegen sollen, was ziemlich umgehend einen öffentlichen Aufschrei erzeugt – und beides zusammen bringt den neuen Schwung zum Erliegen. Auch die Zusage des Landkreises, 3 Millionen davon zu sponsoren, macht den Bissen nicht wirklich genießbar. Fazit Phase 2: Da hat jemand den Populismus nicht richtig verstanden!

In dieser fatalen Lage nimmt nun der Leiter der Stadtverwaltung das populistische Zepter in die Hand: 11 Millionen seien zu viel, aber für 8 Millionen muss die Halle auch zu erstellen sein, das muss die neue Marschzahl werden! Wie er auf 8 Millionen kommt? Weiß keiner, wahrscheinlich er selbst nicht, es könnte aber auch einfach das arithmetische Mittel zwischen 11 Millionen (max. der Debatte) und 5 Millionen (min. der Debatte) sein – alle Zahlen schweben natürlich über der Erde und haben keinerlei Kalkulation der Neben- und Zusatzkosten im Säckel.

Außerdem – so der Leiter der Stadtverwaltung – seien die 3 Millionen vom Landkreis zu wenig, da müsse nachgebessert werden. Dieses Argument wurde in der Folge oft wiederholt, allein der Landkreis rührt sich bis heute nicht…

Und ein neues Strohfeuer wird noch entzündet: ein kleines Förderprogramm sei aufgelegt worden (200 Millionen, wenn ich mich recht erinnere), und davon wolle die Stadt profitieren, denn pro Maßnahme seien bis zu 2 Millionen Euro Zuschuss möglich. Merkwürdigerweise haben auch andere Kommunen davon gehört – und das Ende vom Lied: statt 2 Millionen gab es eine klare Absage. Mit einem Vorteil für die Befürworter: der Stadtrat wurde unter Druck gesetzt, dass sofort eine Grundsatzentscheidung für den Neubau der Halle fallen müsse, sonst könne man überhaupt keinen Förderantrag stellen. Und es funktioniert!

Bei dem Wort ‚Förderantrag‘ brennen ja im Stadtrat die Sicherungen durch – alle Lemminge bis auf eine Ausnahme heben die Hand. ‚Fördertöpfe plündern‘ – das ist ebenfalls ein populistisches Motiv, die Mobilisierung der Massen und denen ‚da gaaaanz oben‘ das Geld aus der Tasche zu ziehen, da gibt es keinen Widerspruch. Das das auch nur Geld aus einem Steuertopf ist, in den der Bürger einzahlt, egal! Erst mal her damit, damit es kein anderer bekommt!

Da haben wir nun die Fakten: ein Grundsatzbeschluss aus Fördermittelgier, den anzuzweifeln sich auch heute keiner mehr traut – auf der Basis ‚alternativer Fakten‘. Fazit: keine 11 Mio, sondern nur 8 Mio Ausgabe, bei der Kreisförderung werden statt 3 eher 4-5 Mio angefordert und Zuschüsse aus Hannover in Höhe von 2 Mio. stehen im Raum: da bekommt die Stadt für 1-2 Millionen eine neue Halle! Applaus den Machern! Heute wissen wir: Pustekuchen!

Eins hätte ich fast vergessen: es gab dann doch eine Schätzung über die Kosten einer Sanierung der alten Halle. Da das Bauamt der Stadt dazu nicht in der Lage war und auch Unterstützungsangebote aus dem Rat nicht angenommen wurden, wurde ein Architekturbüro mit der Schätzung beauftragt. Die Schätzung wurde auf der Basis der Papierunterlagen erstellt, kein Sachverständiger war vor Ort. Zufälligerweise war das das gleiche Büro, das auch den Plan für den Neubau erstellt hatte. Kalkuliert wurde nun nicht eine adäquate Sanierung, sondern der gleiche Neubau wie im Neuentwurf unter Beibehaltung von 1 oder 2 Grundmauern der alten Halle: Ergebnis – was Wunder: das kostet auch über 11 Millionen! Ein Schelm, der denkt, dass das Architekturbüro schließlich seinen eigenen Neubau-Entwurf verkaufen wollte…

Fazit Phase 3: Es gibt nun eine Reihe von alternativen Daten und Fakten, die alle höchst windig sind, aber gerade deswegen nicht beweisbar – und deshalb auch nicht zu widerlegen. Aber sie bestärken die Vorurteile und die Hoffnungen vieler Menschen – oder auch nur die vieler Stadtratsmitglieder.

Nebenbei siegt dann doch in der Verwaltung/im Rat die Idee, dass man nicht einfach den Entwurf des Herren Direktor nehmen könne, bei derartigen Projekten sei doch ein Entwurfswettbewerb üblich. Gesagt, getan. Entwurf mit Wettbewerbsvorgabe max. 8 Millionen – die Zahl überlebt, auch wenn die anderen Hoffnungen inzwischen gestorben waren. Und die Anbieternachfrage ist sehr groß, so groß, dass man eine Auswahl treffen muss und schließlich über 20 Entwürfe eingereicht werden. Was aber kein einziger Entwurf berücksichtigt: die Kostengrenze von 8 Millionen! Interessiert aber keinen, auch nicht die Betreuer des Wettbewerbs, und die ‚fachkundige'(??) Jury präsentiert dann den ’schönsten Entwurf‘.

Fazit Phase 4: Gute Stimmung, aber nichts verwertbares – und die Zusicherung, man werde den Siegerentwurf – eine Perle der Sporthallenarchitektur – in Zusammenarbeit mit dem Architekten ‚verkleinern‘.

Natürlich geht der Architekt auf diese Forderung ein, er hätte den Entwurf auch auf 7,5 oder 7 Mio. reduziert oder was immer gewünscht wird. Aber nun kommen 8 Millionen raus: die Traumsumme der Auftraggeber! Allerdings immer noch ohne Finanzierung…

Was der spielverderbende Architekt allerdings auch macht: er rechnet einmal die Kosten der Gesamtmaßnahme zusammen und kommt – pardon – bei 15-16 Millionen an… Wer nun denkt, dass ein Aufschrei durch die Läger geht, denn nun ist man weitere 4-5 Millionen über der skandalösen Erstschätzung von 11 Millionen: weit gefehlt! Mit den Millionen wird durch die monatelange ‚Beratung‘ wie mit 10-Euro-Scheinen jongliert, die Abstumpfung verfehlt nicht ihre Wirkung, außerdem gehört das Geld ja niemandem, ist ja Steuerknete.

Zum Abschluss orchstriert der Vorsitzende des Handballvereins noch einmal das Dramolett: die Decke der alten Sporthalle käme schon herunter (am Vorabend wurde die Halle aber noch uneingeschränkt genutzt…) und würde mit einem Netz abgesichert sein. Was Wunder, dass man kein Geld mehr in eine Halle steckt, die evtl. in 20 Monaten abgerissen wird… Dann fallen auch nocht Worte wie ‚energetische Dreckschleuder‘ und
‚250.000 Euro Kosten‘, womit wieder – in bester Manier alternativer Fakten Volkes Stimme und Ziel gelenkt werden sollen. Dass die letzen bekannten Komplettkosten der Halle 130.000 Euro waren, wobei die Heizkosten 50.000 Euro betrugen – wen juckt das? Folgerichtig gibt es auch immer Dumme, die den Parolen folgen, in diesem Fall der Fraktionsvorsitzende der SPD-Genossen, der den Abriss der ‚Dreckschleuder‘ fordert. Dass das Heizkraftwerk, das die Halle bedient, vor allem der Heizung des Hallenbads und der benachbarten Schule dient, weiß er wohl einfach nicht: Denn deren Abriss – da beide Gebäude aus der gleichen energetischen Epoche stammen – hätte er dann gleich mitfordern müssen. ‚Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand‘ – man sieht, dass Sprichworte nicht immer von der Realität gedeckt werden…

Und die Mehrheit mag der Diskussion nun müde sein, es wird der Zinssatz von 0,5% vorgerechnet und das alles eigentlich nichts kostet, weils später bezahlt wird. Und außerdem hätte man nun schon ein paar 100.000 Euro in die Planung gesteckt, da müsse man jetzt durch: Get Brexit done – Phase 5 erreicht!

Wie bei jeder guten Party folgt dann Phase 6: der Kater! Aber auch dagegen gibt es ein Mittel – einfach alles vergessen und die nächste Sau durchs Dorf jagen… – oder wie mir in diesem Zusammenhang ein Journalist auf der Basis seiner Erfahrung mit kommunalen Projekten sagte: „Wenn das Ding einmal läuft, wird weitergewurstelt und was es zum Schluss gekostet hat, interessiert bei der Einweihung kein Schwein mehr…“ – „Sir, Schuhwallhalle has been done!“.

Nachbarschaft aus der Retorte

‚Quartiersgenerierung‘ am Harztor

Wie entsteht Nachbarschaft? Klar, man muss irgendwie in räumlicher Nähe leben. Aber ist räumliche Nähe gleichzusetzen mit Nachbarschaft? Wohl nicht, denn es gibt idealtypisch zumindest 3 Arten von Nachbarschaft: Gute, schlechte und neutrale. Und sie hängt ganz einfach von den Menschen ab: man mag sich aufgrund irgendwelcher Konstellationen in der Vergangenheit oder aufgrund neuer gemeinsamer Aktivitäten – das sind die älteren Herren, die schon im Sandkasten miteinander gespielt haben oder die jungen Familien, die sich aus Stillgruppe, Kindergarten oder Schule kennen. Gute Nachbarschaft entsteht nicht aus sachlichen Zweckgründen, sondern weil es gefunkt hat, weil man sich mag. Und die gleichen Mechanismen wirken, wenn der erste Streit über den Flur oder den Gartenzaun ausgetragen wird – die schlechte Nachbarschaft wird genauso, aber mit negativer Energie betrieben.

Und dann gibt es die, die einfach nebeneinander wohnen, aber keine Berührungspunkte haben. Die alte, gehbehinderte Witwe, die den ganzen Tag zuhause sitzt und der junge Akademiker, der tagsüber bei der Arbeit und am Wochenende auf Party ist: die haben keinen Kontakt, außer der Postbote hat einmal die Briefe in den falschen Kasten geworfen. Und die beiden haben nichts mit der jungen Familie zu tun, die den Spagat zwischen Doppelbeschäftigung und Kinderkrippe übt.

Und wenn ich auf mein näheres Umfeld schaue: wo fängt Nachbarschaft an, wo hört sie auf? Sicher, es beginnt am Gartenzaun, aber es endet genauso sicher schon 200 Meter weiter: Ich weiß nicht, wer am Neustädter Ring wohnt, wie er/sie/es heißt und was sein/ihr Lebenszweck und -ziel sein mag. Nur eins eint uns: Wir wohnen hier und ärgern uns alle über die im Sommer zugeparkte Straße am Bergbad – nicht wegen der Normalparker, sondern wegen der Parker, die im Halteverbot abstellen. Aber das ist es – und es ist kein Thema, das uns ‚zusammenschweißt‘.

Aber nun reicht ‚Nachbarschaft‘ nicht mehr – und die Eigenschaft ‚Bürger einer Stadt‘ ist zu weit weg von der erlebten Lebenswirklichkeit eines Mitglieds des Habits….also wird der Begriff ‚Quartier‘ in die Diskussion geschoben – im Rollstuhl natürlich, denn er kränkelt etwas, beseelt von des Gedankens Blässe. Das Quartier als eine Gemeinschaft Leidens- und Lebensgleicher, die in einer räumlichen Nahbeziehung leben. Oder einfach ein Quadrant auf dem Stadtplan? Niemand hat diesen Begriff bisher vermisst, aber nun wird einfach mal aufgesetzt, da einige (sonst wohl arbeitssuchende) Geografen das nun auf der Agenda haben – und in ‚Gutachten‘ vermarkten können. Sind schlechte Gutachten eigentlich Schlechtachten?

So ein Schlechtachten wurde nun für die Innenstadt Northeims erstellt. Das wäre auch noch hinzunehmen, wenn man es als einmalige ABM-Maßnahme verstehen würde. Aber nun kommen die Folgekosten: die nächsten ABM-Maßnahmen, die ernst nehmen, was die Einfalt der Schlechtachten postulierte.

Ich will nicht verkennen, dass es etwas ähnliches wie Quartier geben könnte – in der Schlichtsprache ist so etwas als ‚Kiez‘ bekannt, wobei der normale Hörer sofort an St.Pauli, Halbwelt und Puffbetriebe denkt. Das ist zumindest eine Welt, in der die Bewohner dadurch verbunden sind, dass sie die auswärtigen Vergnügungssuchenden nach besten Kräften ausnehmen wollen. Auch die kölschen ‚Veedel‘ sind ähnlich definiert, sie leben davon, dass man entweder ‚drin‘ oder ‚draußen‘ ist – systemtheoretisch ist das die Tendenz, eine stabile Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt zu errichten und aufrecht zu erhalten, die das Veedel=denKiez=das System als solches erhält.

Was macht also den Kiez zum Kiez? Da gibt es verschiedene Faktoren: am einfachsten das Hineingeborenwerden, die Sandkasten- und Schulfreundschaften, die Lebensumstände (..wir schaffen alle bei der Conti..), die gemeinsam frequentierten Orte wie Kirche, Kindergarten, Stillgruppe, Kaffeebüdchen, Supermarkt oder einziger Hausarzt im Kiez – also da, wo man sich öfter trifft und evtl. auch einmal ein Wort wechselt. Denn am Anfang war das Wort. Das Wort von Mensch zu Mensch. Das Wort, das Sympathie oder Empathie signalisiert, das Wort, das andere dazu bringt, auch etwas in das Gespräch einzubringen, das Wort, das ein ‚Netzwerk‘ entstehen lässt, weil aus zufälligen Kontakten Kontakte werden zu Menschen, die man schätzt und mag. Und genauso entstehen daraus Abgrenzungen, weil es Menschen und Worte gibt, die man definitv nicht mag. Es gibt nicht die eine große Gemeinsamkeit – es werden sich immer Gruppen bilden, die einen wie auch immer gefundenen gemeinsamen Nenner haben. Und dann auch die, die nicht dazu gehören.

Diese Dynamik ist nicht in der Retorte herstellbar. Zu glauben, dass man sich (wer ist sich???) alle zwei Wochen für 90 Minuten trifft und irgendwelche ‚Geschichten von Daheim‘ erzählt – und dass sich daraus ein ‚Kiez‘ ein ‚Quartier‘ entwickelt – das ist Lebensblindheit pur. Oder ABM.

Wenn Frau Dr. NN-NN dann erzählt: „Da ist soviel Potential..“, dann ist das eine Bankrotterklärung. Potential – ja, das gibt es immer, zum Guten und zum Schlechten… Und wenn in 500 Wohnungen 1000 Menschen leben, dann wohnen 1000 Menschen in 500 Wohnungen. Und wenn sie nichts gemeinsames haben, dann passiert auch nichts. Da mögen sich ABM-Kräfte und Aktivisten lang hinstellen und ein Nachbarschafts-Parship oder Kiez-Tinder planen, solange es keine echten Gemeinsamkeiten gibt, wird das alles nur akademisierte Beschäftigungs-Therapie unter Verbrennung öffentlicher Mittel sein.

Eigentlich ist es wie im Hamburger ‚Kiez‘: Geilheit lässt sich mechanisch erzeugen und kaufmännisch abkassieren, aber echte Zuneigung und Bindung muss sich aus den Individuen heraus entwickeln, ist unberechenbar und trägt den Lohn in sich selbst. ‚Sich mögen‘ ist chaotisch und Sozialtechnologie wird daran scheitern – es sei denn, der Sozialtechnologe mutiert vom Beobachter zum Teil des Systems und generiert selbst das ‚Mögen‘, die Adhäsion. Aber dazu muss man nicht Sozialtechnologe sein…

Blüten des Feuilleton

Kulturpolitiker’s Zitatenschatz

„Über Politiker kann man lachen, aber nicht über deren Politik“ – so hörte ich es in einer Karnevalssitzung aus dem Jahre 2000. Egal, wie Kultur schöngeredet wird oder mit Neusprech auf enthobene Ebenen verschoben wird – das was in der Kultur zählt, ist letztendlich immer das Konto, auf das die ‚Staatsknete‘ geht, denn Kultur ohne öffentliche Förderung ist nicht denkbar, da sie ja einfach nicht produktiv ist, sondern das Blumensträußchen, das sich eine Gesellschaft leistet, in der die Grundbedürfnisse der Menschen in etwa bedient werden.

Und wer staatliche Zuschüsse erhalten will, muss in unserer gesellschaftlichen Auffassung von Leistung und Verdienst zumindest einen Ansatz von Begründung haben, warum er/sie/es und nicht ein anderes er/sie/es Zuwendungen erhalten soll. Und so kommt es zu Deutungen und Legitimations-Argumenten in der modernen, entwickelten Kulturbürokratie. In der ZEIT vom 13.2.20 kommen exemplarisch Ina Hartwig und Carsten Broda zu Wort. Da fiel mir ein, dass ein Klangkörper viel Hohlraum haben muss, um einen großen Klang erzeugen zu können.

Der Hohlraum könnte vorhanden sein, allein der große Klang will sich nicht – zumindest bei mir – einstellen. Vielleicht geht es jemandem anders (er/sie/es) auch so, hier also ein paar Kostproben von dem, was meinen Kopf einige Zeit in horizontale Schwingungen geraten ließ:

„Museen, Theater, Opern und freie Bühnen schaffen einen notwenigen öffentlichen Hallraum..“ (das tun auch Berge in Form von Echo…)

„In der Elbphilharmonie begegnen sich Menschen in ihrer Differenz“ (das tun sie auf der Reeperbahn auch…)

(Im Theater) „Plötzlich verstehe ich etwas, das ich vorher nicht verstanden habe. Gerade durch das Ästhetisierte kommt mir die Wirklichkeit dann so nahe, wie sie mir vorher nie gekommen ist.“ (Da hilft eigentlich ein ‚Augen auf im Straßenverkehr und anderswo.., ich hab im Theater noch nie ein lautes ‚AHA‘ vernommen..)

„Teilweise zerreißt Kultur nämlich auch etwas und sorgt für Kontroversen. Das soll sie auch, weil sie uns dadurch aufmerksam macht auf das, was zerrissen ist“ (Wie wahr, das weiß jeder, der schon versucht hat, sich mit einem zerrissenen Tempotuch die Nase zu putzen..)

„Die Kultur hat die Chance, das Allgemeine zu repräsentieren. Aber dieses Allgemeine der Kultur ist eben etwas, worüber man sich aktiv verständigen muss“ (Das sollte man mal Montag abends in Dresden erzählen…, da gibt es mindestens zwei alternative Repräsentationen, meistens aber noch viel mehr..)

„Denn das Allgemeine ist in der Moderne nie aus sich selbst heraus gegeben“ (..und nicht nur in der Moderne, das Allgemeine ist dann der universelle Weltgeist, den es nur zu erkennen gilt….o sancta simplicita)

…dass „das Rätsel, was Kunst mit Menschen macht, nie gelöst wurde glücklicherweise.“ (Denn wir wissen nicht, was wir tun…)

„Die Migration von kulturellen Energien lässt sich in Museen besonders gut erleben. Für eine migrantisch geprägte Gesellschaft ist das eine Chance, genau dies vor Ort zu studieren und abzugleichen mit der eigenen Selbsterzählung.“ (Gut, dass das mal jemand sagt, darauf wäre ich ja nie gekommen!)

„Die Geschichten, die erzählt werden, sollten schon beim Kuratieren auf das Publikum zielen, das man erreichen will.“ (Auf wen sonst? Den lieben Gott?)

„Museen sind ja selbst lokal sozialisiert und können mit klugen Ausstellungen auch mit ihren Orten sozial kommunizieren.“ (Gibt es unlokale Sozialisierung oder unsoziale Kommunikation? Kommunikatiuon geht nur von Subjekt zu Subjekt, es sei denn, man übe öffentliches Reden mit Steinen im Mund vor der Meeresbrandung..)

Dann wird aus dem Museum ein zivilgesellschaftlicher Ermächtigungsort, der eine bewusste Einladung ausspricht – (…) Wir wollen miteinander arbeiten.“ (Vulgo: Im Museum kann man was Neues sehen… ich verabscheue das Wort ‚Ermächtigung‘!)

„Umso mehr müssen Räume der Kultur verteidigt werden als Räume, in denen Spannungen ausgehalten werden.“ (Das gilt genauso gut bei Kneipen, in denen die Kneipenkultur ausgehalten werden muss – klappt ja meistens, außer in der Northeimer ‚Kölsche Bar’…)

„Zunehmend fällt eine Allianz auseinander, die wir lange unterstellt haben, weil wir glauben, der Kampf für die Freiheit der Kunst sei immanent auch ein Kampf für die Selbstermächtigung bisher marginalisierter Gruppen. Solange wir aber Milieus haben, die deutlich überrepräsentiert sind, findet diese Selbstermächtigung der Marginalisierten nicht statt. Die Kritik an den Machtverhältnissen wendet sich auch gegen die Repräsentanten des Kulturbetriebs.“ (Die Mehrheit ist die Mehrheit ist die Mehrheit…., warum sollte es hier anders sein? Randgruppen bekommen Leckerli…)

„Es wäre falsch, Kunst so weit zu neutralisieren, dass sie nur noch in dern Wohlfühlräumen der jeweiligen Erfahrungszusammenhänge stattfindet. Das Problem ist, dass wir Unwuchten haben im Kunstbetrieb, weil von einer gleichrangigen Teilhabe aller Gruppen noch nicht die Rede sein kann.“ (Da wäre auch mal zu überlegen, ob alle überhaupt ein Interesse daran haben oder nicht Fußball, Kniffeln oder eine Weinprobe vorziehen…)

Fazit: Es muss uns verdammt gut gehen, dass wir uns diese Kulturpolitiker und deren Blasenbildung leisten können.

Ein Loch ist im Eimer…

…dann flick es, dann flick es, mach’s zu!

Ja, das waren noch echte Ratschläge, die das Medium Terzett den Schlagerfreunden Anfang der 60er Jahre lieferte! Schaut man auf mein Lieblingsfeld, die Northeimer Lokalpolitik, dann lautet der Grundsatz heute: „Oben einfach mehr reingießen als unten rausfließt, dann wird der Eimer auch voll!“

Heute werden wir wohl, angetrieben von den vergnügungssteuerfeindlichen Handball-Lobbyisten, noch Zeuge, wie ein richtiges Fass aufgemacht wird bzw. ein Loch in den Eimer geschlagen wird: ein Handball-Palast für mehr als 15 Millionen Euro – aber das sind nur die Plankosten in der Vorbereitungsphase. Sieht man auf Projekte wie den Feuerwehranbau in Hillerse (570.000 -> 1.000.030 Euro) oder die Multifunktionshalle in Einbeck (1,4 Mio -> 2,5 Mio Euro), kann man schnell ahnen, dass die 20 Mio. ohne Problem gerissen werden, zumal man schon in Hillerse bei den Mehrkosten darüber räsonniert, dass zu den geschätzen Kosten überhaupt kein Betrieb in dieser Konjunkturphase anbietet. Beim Bau haben wir derzeit einen ganz deutlichen Verkäufermarkt, was in zweistelligen Kostensteigerungen pro Jahr dokumentiert wird – neben den ‚üblichen‘ Planungsfehlern.

Und da kommt dann ‚unsaa Doktaa‘ Roy Kühne prompt zur Sache bzw. in das Lokalblatt: Natürlich würde er sich darum kümmern, dass Bundesmillionen den Weg nach Northeim finden werden, wenn die braven Kinder im Stadtrat ein klares Signal geben würden. Und nicht so rumzicken – das muss dem geneigten Leser bei der Formulierung wohl in den Sinn kommen. Das ist wieder das Gut-Böse bzw. Schwarz-Weiss-Muster: Wer nicht für DIESE Halle ist, der ist gegen JEDE Halle. Der alte Unsinn: es geht nicht um Halle ja/nein, sondern um Halle um jeden Preis oder um jeden vernünftigen Preis: Viele würden sich sicher gern einen Porsche kaufen, aber die allermeisten verzichten darauf, weil die ‚Kohle‘ einfach nicht da ist.

Aber statt darüber eine vernünftige Diskussion zu führen, wird dem Esel einfach mal ein Leckerli vor die Nase gehalten, damit er weitertrottet, um es zu schnappen. Natürlich würde er sich um Bundesförderung bemühen, aber das sei ja schwierig, da der Fördertopf dafür heute schon deutlich überzeichnet wäre. Was soll das? Das ist Generieren von PR-Flächen in der lokalen Presse – und das kann ‚unsaa Doktaa‘.

Und statt konstruktiv über eine finanzierbare Lösung mitzureden, wird einfach andersrum agiert: egal, was kost‘, dann muss eben mehr Geld her. Das Loch ist da, egal, dann muss eben mehr Wasser oben rein – so ist halt alles immer im Eimer… Verursacht so etwas evtl. die Berliner Luft, die ja auch dazu führt, dass man glaubt, CO2 direkt durch zusätzliche Steuern zu vermindern.

Hier nennt man sowas dann (sofern man nicht im Bann des Parteibuchs mit dem Schweigegelübde ist) ‚rum-doktaan‘ an den Symptomen. Das ist nicht die Suche nach dem Grund und das Bekämpfen der Ursache. Da bleibt die Gesundung fern, aber manche halten die Unterdrückung der Schmerzen ja auch schon für Heilung; das sind dann die, die auch glauben, dass der ‚Playboy‘ das Mitteilungsblatt des Vatikans sei…

8 Millionen? 15 Millionen?? 20 Millionen???

Der rettenswerte Baum….nunja…

Neubau des Sportpalasts in Northeim: Die Katze ist immer noch nicht aus dem Sack

Nun lugt die Katze schon mal aus dem Sack: die ersten 15 Millionen suchen eine Finanzierung. Nach dem langbeschworenen 8-Millionen-Baukosten-Mantra, das die Öffentlichkeit beruhigen und beschwichtigen sollte, legte Northeims Bürgermeister Simon Hartmann nun das erste Mal das wirkliche Ausmaß der Kosten dar: 15 Millionen seien es, aber da gäbe es noch ‚offene Punkte’…

Und damit geht die Veräppelei weiter: der Planer habe versichert, 8 Millionen würden nun für den reinen Baukörper reichen. Was ist denn ein ‚reiner Baukörper‘? Interpretatoren voran! Und: übernehmen die Architekten irgendeine Gewährleistung/Haftung für diese Schätzung? Ansonsten sind das Märchen aus 8 Millionen-und-einer-Nacht…

15=Schluss? Nein! Dann kommen zusätzlich die Kosten für das Blockheizkraftwerk(BHKW) und eine Trafostation – schade, schade: wie kann man dann von 15 Mio. sprechen, da droht gleich die nächste Million. Und dass das BHKW eigentlich nur ein Must-Have für das Hallenbad ist – kein Wort darüber. Über regenerative Solar- und Geothermie-Energien bzw. Passivhaus-Konzepte für eine neue Halle wird noch nicht einmal diskutiert – wäre ja auch teurer als fossile Verbrennungsenergie; stattdessen wird folkloristischer Umweltschutz betrieben, da zwei oder drei ältere Bäume nicht gefällt werden – das sind keine Naturdenkmäler und die Aktion ist reine Symbolik.

Ach ja: das Risiko für Preissteigerungen wird auch mitbedacht: lächerliche 5% für die gesamte Bauzeit sind kalkuliert! Da erinnere ich mich der letzten Einlassung des Bürgermeisters, dass man beim Anbau des Feuerwehrhauses in Hillerse 20 % pro Jahr(!) hat einstecken müssen!!!

Bei den Parkplätzen zähle ich in etwa 170 = 8 Reihen á 22; bei einer Breite von ca. 40 Metern (lt. Google Maps) zwischen Hallenbad und Schuhwall habe ich da Rechenprobleme für Standard-Parkbuchten mit Breiten von 2,30 – 2,50 Meter; zudem: keine Busparkplätze. Reicht das? Und wie viele Parkplätze werden mit Ladesäulen-Infrastruktur gebaut – 10.000 Euro Minimum-Kosten je Säule? Außerdem überbaut der Plan auch einfach die Plätze des Hallenbades. Alles schon eingerechnet? Das Hallenbad benötigt 1 Stellplatz je 5-10 Umkleideplätze…  

Überhaupt: wie sieht das Verkehrskonzept aus? Der ganze Verkehr durch kleine Anliegerstraßen? Der einzig vernünftige Weg würde über den Bahnübergang führen, aber der müsste dann erst einmal zweispurig wiederhergestellt werden incl. der Anbindung an die B3, die derzeit durch die Unterführung am Breiten Weg schlichtweg nicht möglich ist. Dazu natürlich Öffnung des Schuhwalls von der Rückingsallee – das geht schon, hier ist ja kein Martinsgraben. Und Verkehrsprojekte werden nicht durch die Eigenarbeit der Anwohner realisiert, sondern kosten echtes Geld, von dem niemand bisher gesprochen hat. Noch’ne Million, was solls – ist ja für eine gute Sache.

Das alles verstärkt nur das Gesamturteil, dass es unsinnig ist, eine große Veranstaltungshalle in ein Wohngebiet zu legen. Kein Stadtplaner käme auf eine derartige Idee! Aber mit ‚Machen-wir-nix-dran‘ kann man die Verkehrsinfrastrukturkosten auf Null Euro setzen – das ist m.E. grob fahrlässig – und ich befürchte/hoffe, dass sich da auch bald die Anwohner melden werden!

Realistisch nähern wir uns da dann doch den 20 Millionen, die der Handball-Palast verschlingen soll – und das, obwohl wir die BBS-Halle in der Stadt haben, deren Abmessungen den Drittliga-Ansprüchen gerecht wird und bei der die Erweiterung der Zuschauerplätze wohl eine überschaubare ‚Investition‘ wäre.

Zudem sollte man einmal über die Folgekosten nachdenken: 2% Abschreibung und 2% für Instandhaltung machen bei der Bausumme schon mal locker 600.000 bis 800.000 Euro Grundkosten pro Jahr, dazu kommen dann Personal- und Betriebskosten bzw. Reparaturen. Für die alte Schuhwallhalle waren das pro Jahr ca. 300.000 Euro bei Einnahmen von 100.000 Euro für die Schulnutzung. Woher soll dieses Geld denn kommen?

Etwa durch Erlöse von Veranstaltungen? Wo ist denn ein Konzept für die Nutzung der Halle mit 1000 Plätzen? Soll da etwa eine Konkurrenz zur Stadthalle aufgebaut werden, deren 650 Plätze bei 90% aller Veranstaltungen schon nicht ausgebucht sind? Alle 10 Jahre ein Länderspiel der Handball-Nationalmannschaft der Juniorinnen? Ich sehe derzeit nicht EINE Verwendung!

Wobei ich eine mögliche Wendung noch für den Schluss aufgehoben habe: Wie lang wird es eine Oberschule noch geben? Für 620 Haupt- und Realschüler leisten wir uns 2 Schulen in der Stadt, während 1000 Corvinianer in eine Schule gehen? Warum wird nicht endlich von den Langzeit-Aussitzern in der Kreispolitik die Fusion von Thomas-Mann-Schule und Oberschule gestartet? Damit könnten die Aktivitäten in der Sudheimer Str. gebündelt werden – und ca. 700.000 Euro Kosten für die Gebäude in der Arentsschildstr. entfielen, dazu könnte man das Gelände profitabel als Neubaugebiet für Reihenhäuser und Geschosswohnungsbau veräußern, um ggf. Anbauten in der Sudheimer Str. zu finanzieren. Oder man macht aus den Gebäuden einen Alten- oder Stadtteiltreff mit Gymnastik-, Fitness- und Gruppenräumen bzw. bereitet es als Gründerzentrum auf. Aber die Kreispolitik lernt ja nicht: bis die Agonie der Auetalschule in Kalefeld akzeptiert wurde und die Zusammenführung mit Gandersheim erfolgte, ging manches Jahr ins Land und bis zuletzt wurden sogar noch Investitionen in Millionenhöhe für die sterbende Schule diskutiert – sind ja nur Steuergelder….

Zum Schluss: wenn man das o.a. Szenario mal ernst nimmt: dann wäre die beste Lösung für die 3 Millionen des Kreises nämlich, eine Zusatz-Turnhalle des Schulzentrums in das Neubaugebiet am Martinsgraben zu setzen – damit wäre eine echte Verbreiterung des Sporthallen-Angebots erreicht, wenn die Stadt eine maßvolle Renovierung der Schuhwallhalle in einem Finanzrahmen planen würde, der die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Kommune nicht übersteigt. Und auf dem Gelände der alten Realschule wird endlich sozialer Wohnungsbau betrieben – nachdem die Stadt in den letzten Jahren nur Baugebiete im ‚Premium-Segment‘ realisiert hat.

Denn eines kann man ahnen: 2022 wird das Hallenbad 50 Jahre alt – da klopft der Geist des Neubaus schon mal an, denn bei steigenden Energiekosten wird das jährliche Defizit von 500.000 Euro schnell wachsen und eine kleinere und energieeffizientere Lösung fordern. Und auch da böte sich der Martinsgraben an, um ein Sportzentrum zu etablieren, das aus städtebaulicher Sicht zu einer Aufwertung der Südstadt führen könnte.

Es ist jetzt dringend an der Zeit, sich gegen die chaotische Planung und den Druck der Handball-Lobbyisten auszusprechen. Der Stadtrat wird ‚gezwungen‘, ungedeckte Blanko-Schecks auf die Zukunft zu unterzeichnen, indem in einer Salami-Taktik immer weitere Einzelbeschlüsse gefordert werden, ohne dass das wirkliche Ausmaß dieses Desasters erkennbar ist. Bis es dann heißt: Jetzt haben wir schon so viel ausgegeben, jetzt können wir nicht mehr zurück (und das wissen die Auftragnehmer auch und werden wohl eher großzügig kalkulieren..), da müssen wir durch, um welchen Preis auch immer. Nur dass die eigentlich Verantwortlichen den Preis nicht selbst zahlen, sondern das Gemeinwesen!

Welche Generation soll denn die geplanten 45 Millionen Schulden, die lt. Haushalt 2020 für 2023 geplant sind, abzahlen? Eine gestiegene Bevölkerungszahl, von der der Bürgermeister träumt, für die es aber keine Maßnahmen gibt, um sie zu erreichen? Die langfristige Prognose der Bevölkerungsentwicklung sieht da anders aus – incl. der Zunahme der nicht-arbeitenden, älteren Bevölkerung… 

Link: Schülerzahlen und Optimierungspotential bei Zusammenlegung Oberschule/Thomas-Mann-Schule

–> Siehe Beitrag hier im BLOG: http://www.acwindhorst.de/wordpress/?p=388

Warum gibt es keine Thomas-Mann-Oberschule in NOM?

Über mangelndes Personal in den Schulen wird auch hier im Kreis geklagt – das ist aber Sache des Kultusministeriums. Über Mangel an Schulgebäuden wird nicht geklagt, ganz im Gegenteil wird ‚liebevoll‘ jedes Schulgebäude gehegt und gepflegt – egal, ob gebraucht oder nicht: die unsägliche Diskussion über den Erhalt der Auetalschule in Kalefeld, die unter rapidem Schülermangel litt, war dafür ein unrühmliches Beispiel. Dass 10 KM weiter in Bad Gandersheim in der gleichen Schulform leere Klassenräume in ausreichender Menge vorhanden waren? Egal, auch leere Zimmer kann man heizen und instandhalten!

Erst als mangels neuer Anmeldungen der Eltern die Mindestanzahl von Schülern massiv unterschritten wurden, zog der Kreistag endlich die Reissleine, was dann auch nicht unerhebliche Instandhaltungsausgaben stoppte, die man für die sterbende Schule schon geplant hatte.

Und in Northeim das gleiche Schema: Bloß nichts ändern an Schulgebäuden! So leisten wir uns in der Stadt zwar nur ein Gymnasium für 1000 Schüler, aber wohl 2 Schulen und Schulstandorte für 620 Haupt- und Realschüler. Warum? Warum wird nicht im Schulzentrum Südstadt zusammengeführt?

700.000 Euro kostet der Unterhalt der Schule an der Arentsschildstraße, die man besser in ggf. nötige Erweiterungen in der Südstadt stecken könnte – das würde sich in wenigen Jahren amortisiert haben, zumal es auch denkbar wäre, dass Teile der Kästner-Schule einbezogen werden, die nur noch von ca. 100 Schülern besucht wird. Und der Kreiszuschuss von derzeit 3 Millionen Euro für eine neue Schulturnhalle stünde ebenfalls für Bauvorhaben im Schulzentrum zur Verfügung!

Ja, nun lasse auch ich mich von der Gebäudepolitik leiten… – was aber ein viel gewichtigerer Aspekt ist: durch das Zusammengehen von Oberschule und Thomas-Mann-Schule könnten in kürzester Zeit pädagogische Kapazitäten freigesetzt werden, die zu einer quantitativen und/oder qualitativen Verbesserung des Lernbetriebs oder der inklusiven Betreuung verwandt werden könnten. Dazu braucht man kein Abitur, Addieren und Dividieren reichen eigentlich für eine Rechnung, die scheinbar niemand ernsthaft in Betracht zieht: 4-6 Lehrer wären nach dem Zusammenschluss für die Verbesserung des Lehrbetriebs freigesetzt – plus die Stunden und Stellen, die durch die Verschlankung/Zusammenlegung der Schulbürokratie frei würden. Aber Qualität des Unterricht/der Betreuung ist ja kein Ziel der Kreis-Schulgebäude-Politik, schade eigentlich…

Sie mögen/Ihr mögt es nicht glauben? Hier mal meine kurze, überschlägige Rechnung:

Schule / Klasse5678910
Oberschule445960625475
Klassen233434
Sch./Klasse222020161819
TMS293541494044
Klassen223333
Sch./Klasse151814161414
Gesamt IST739410111194119
Klassen456767
Sch./Klasse181917161617
       
EINE Schule739410111194119
Klassen455556
Sch./Klasse181920221920
Diff Klassen001211

Mit einer geringfügigen Erhöhung der Schülerzahlen je Klasse (3-6) würden 5 Klassen nicht mehr benötigt. Bei 30 Wochenstunden je Klasse wären das 150 Stunden, die nicht erteilt werden müssten. Rechnen wir 25 Unterrichtsstunden je Lehrer, wären das 6 Lehrer, die zur Verbesserung der Schul-Qualität eingesetzt werden könnten. Plus ein Rektor und ein Konrektor -aber das könnte ja die zweite Hürde sein…

Quelle: Kreistagsinfosystem Landkreis Northeim

Drucksache Beschlussvorlage – 0949/19
https://www.landkreis-northeim.de/allris/wicket/resource/org.apache.wicket.Application/pdf:anl1018688!2

Es war 1967…und es war Sommer…

Nachrichten aus dem Jugend-Gulag

Es war ein vollkommen misslungener Sommer, dieser Sommer of 67…. Ich wurde zwangseingewiesen in das Jugendsommerlager nach Schwangau. In meiner Erinnerung ist fast alles gelöscht – so viel gab es auch nicht zu erinnern.. – aber das Internet und ich, wir vergessen niemals ganz.

Und dann gibt es auch noch das Papier, das ich unvorsichtigerweise meiner Tante hinterlassen habe und das kürzlich bei meiner Schwester wieder auftauchte. Hier also die Dokumentation meiner Passionszeit auf dem denkwürdigen Jahr 1967.

Schwangau, den 2.7.67

Liebe Tante!
Du weißt ja gar nicht, wie fürchterlich es hier ist. Ich wollte ja von Anfang an nicht hier her. Es ist ja so langweilig, und in diesem Kaff hier kann man nichts erleben. Das Essen ist schlecht und dazu viel zu wenig. Am liebsten würde ich den nächsten Bus am Mittwoch nehmen und zurück fahren. Grüße Lutz von mir und gratuliere ihm. Es ist fürchterlich wie ich gesagt hatte. Diese Karte kannst Du ruhig Mutti zeigen, denn von mir bekommt sie keine Karte.

Alles Liebe Dein Arndt

Schwangau, den 7.7.67

Liebe Tante!

Nur noch rund 10 Tage! Es ist aber immer noch langweilig. Besonders am Morgen, denn ab 2 Uhr kann man ja in die Stadt zum Minigolf-Platz. Bis man da zurück ist, dauert es rund 3 Stunden, dann kann man die Zeit schon totschlagen. Geweckt wird man schon um 8 Uhr, und so etwas nennt sich ‚Ferien‘. Schiet. Und dann noch dieser M. – dauern läuft er hinter mir her; jetzt ist er ja ausgezogen (Anm.: Wechsel vom Haus in ein Zelt) – gottseidank. Bis zum nächsten Leidensbericht von hier.

Viele Grüße Dein Arndt

Schwangau, den 10.7.67

(schick mir TT-Schläger)

Liebe Tante!

Es stimmt alles, was ich schreibe, auch mit dem Erleben ist es nicht viel her. Wenn nicht TT und Mini-Golf da wäre, wüßte man nicht, was man tun sollte. Hans ist jetzt im Zelt – gottseidank. Er hat wohl seinen Eltern vorgeplärrt, wie sehr ich ihn ärgere, da haben seine Eltern ihn wohl ins Zelt gesteckt. Wir haben uns jetzt ganz verkracht. Beim Essen gibt es zwar einen Nachschlag, aber man ist froh, wenn man die normale Portion hinunter hat. Und mit dem Tagebuch und so weiter brauche ich ja nicht, denn alles steht auf Lottes und Deinen Karten. Und auch das Wetter ist nicht immer gut. Nach meiner ersten Karte waren 2 Regentage. Es wechselt sich ab, aber es gibt wohl mehr Regen in diesem von Bergen umgrenzten Regenloch. Bekannte aus der Schule gibt es wohl, einige sogar. Ich säße lieber 6 Wochen zuhause als hier nur einen Tag verbringen. Auch einen Brief habe ich bekommen. Das waren Deine Fragen. Hier geht es mit allen Mitteln der Unhygiene zu. Das Schwimmbad ist von der Gesundheitspolizei geschlossen worden. Das Wasser aus der Leitung ist nicht trinkbar. Abtrocknen muss man auch noch für das ganze Haus. 80 Tassen, 80 Untertassen, 80 Teller, 80 Messer und das zu 2 Mann. Der Anmarschweg zum Dorf ist so lang, daß bei Sonne die Füße brennen. Ihr könnt mich am Freitag oder Donnerstag – ich weiß es nicht, die Olle hat ja den einen Brief noch – abholen, ungefähr um 8. Ich hab schon 30 Mark vom PSPB abgehoben – die anderen 20 von Dir sind ja zum Großteil auf der Zugspitzfahrt geblieben. Davon habe ich noch 4 Mark.

Herzliche Grüße Dein Arndt

Schwangau, den  12.7.67

Liebe Tante!

Ich freue mich natürlich sehr über Deine Briefe, aber der Inhalt ist nicht so richtig. Du versuchst, aus dem Schlechten noch etwas Gutes zu machen, aber man muß der Wahrheit entsprechend alles sehen. Ich bin auch nicht stur. Was ich sage kannst Du auch von anderen hören. Viele sind überhaupt nur gezwungenerweise hier. Und wenn alle sage, das sei herrlich, dann sind es nur die Eltern, die nie dabei sind. Mit Reiseerlebnissen ist nicht weit her, denn hier gibt es höchstens stundenlange Fußwanderungen, die auch selten sind. Dann mußten wir heute noch den Saal, der so groß ist, dass unser Haus zweimal hineinpassen würde, ausfegen. Das nennt sich Ferien. Und wozu diese vielen Sachen. Waschzeug, Schuhputzzeug, 3 Hosen, 3 Hemden ist alles, was ich bisher gebraucht habe. Auch für rund 250 Mark habe ich die Reise gemacht, und M. fehlt das Geld jetzt überall, und das alles nur aus eurer Sturheit, weil ihr nicht nachgeben wolltet. Und die Betreuer, die auch massenweise hier sind, bezahlen keinen Pfennig, denken nur an sich selbst und fressen sich von unserem Geld satt. Die haben immer etwas besseres als wir mit unserem Hundefraß. Dann gibt es hier morgens Marmelade von Apfelsinenschalen, die so bitter wie nichts ist.

Also bis zum Freitag Dein Arndt