Schuhwallhalle – kein Plan, kein Ende, keine Ideen….

Vorbemerkung: Dieses Memo hatte ich am 16.10.2018 an den Northeimer Bürgermeister geschickt. Einiges ist nicht mehr ganz aktuell, aber im Kern ist die Analyse für mich weiterhin so äußerbar.

Getrieben von den derzeitigen Erfolgen des Handballclubs (3. Liga) wird eine Diskussion um den Zustand der heutigen Schuhwallhalle geführt, der bei vielen Beteiligten der Northeimer Lokalpolitik zu einem ‚Schrei‘ nach einem angemessenen Neubau für die Handballer geführt hat. Eine Sanierung der alten Halle wird zwar immer als Alternative angeführt, aber zumeist als völlig unrealistisch im selben Atemzug verworfen. Darüber, dass ein Neubau allemal ‚sexier‘ und meritenreicher daherkommt, müssen wir hier nicht diskutieren.

Und die öffentliche Diskussion nimmt diesen Zug natürlich gerne auf, sind doch die Beteiligten immer lieber Träger und Teil einer ‚progressiven‘ Lösung als einer Reparaturmaßnahme.

Was aber ist uns denn dieser Schritt zu der ‚Sportstadt Northeim‘ wirklich wert, was darf er wert sein? Pikanterweise wurde der von der Realität gänzlich ungedeckte Slogan ‚Sportstadt‘ vom Vorsitzenden des Handballvereins eingeführt – ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt. (HNA 2.9.2015)

Da die Northeimer Politik durchaus in kleinen Maßstäben zu denken gewillt ist, wurde natürlich die erste Idee die beste Idee: Gleich neben der alten Halle eine neue bauen, damit wird dann das Grundstück, das ‚Wohnen in Northeim‘ gehört, endlich genutzt und durch die Nähe zur Oberschule Northeim kann man der Kreiskasse durch die Planung als Schulsporthalle noch schnell 3 Millionen entlocken. Wohlgemerkt: Alles, was verbaut wird, sind Steuergelder, egal ob aus Rathaus, Kreishaus, Hannover oder Berlin…

Aber gehen wir einmal Schritt für Schritt vor – Ideen, Fakten und Fragen bunt gemischt, damit am Ende sich vielleicht wirklich eine rationale Entscheidung abzeichnen könnte…

Northeim – Daten und Fakten

  • Die Stadt Northeim hat derzeit Invest-Kredite in Höhe von ca. 24 Millionen Euro
  • Erste Planungen, die von der Sparkasse bezahlt wurden, haben einen Kostenrahmen von 12 Millionen Euro ermittelt, allerdings ohne alle Risiken zu berücksichtigen, v.a. das der Beschaffenheit des Geländes hinsichtlich des Grundfundaments der Halle.
  • Die Bausumme ist ohne Mehrwertsteuer, der Bauherr Stadt Northeim müsste zusätzlich 2,4 Millionen einplanen.
  • Die Baukosten haben sich in den letzten 18 Monaten rasant entwickelt, die ursprüngliche Schätzung müsste inflationär angepasst werden -> ggf. nochmals zusätzlich 20%, wenn in Hochkonjunktur gebaut wird.
  • Die üblichen Mehrkosten kämen on top – Beispiele aus allen Ecken der Republik lassen auch hier nichts anderes erwarten.
  • In Summe könnte man mit ca. 20 Millionen rechnen, was – ohne Zuschüsse – fast zu einer Verdopplung der Schulden führen würde. Außerdem würde diese Investition(?) absehbar niemals eine Rendite abwerfen.
  • Die Übertragung der Bautätigkeit z.B. an die Stadtwerke (um die Vorsteuer zu sparen) ist steuerlich zweifelhaft, da die Zulässigkeit der Konstruktion eines steuerlichen Querverbunds (daran denkt möglicherweise mancher in der Stadtverwaltung) m.E. eher unwahrscheinlich ist. Die Sporthalle als solche ist kein Wirtschaftsfaktor, der jemals Gewinn erzielen wird.
  • Der Blick nach Göttingen lohnt sich auch hier: dort werden die Sportanlagen einschließlich des Umsatzträgers ‚Badeparadies Eiswiese‘ von der Göttinger Sport- und Freizeit GmbH und Co. KG betrieben, die im letzten Jahr 3,6 Millionen Euro Gewinn damit gemacht haben – das gibt es in Northeim nicht…
  • Die Halle wurde für 750 Zuschauer geplant; bei einem weiteren Aufstieg also sofort wieder zu klein dimensioniert.
  • Zudem: diese Planung ist eine private Schätzung initiiert durch die KSN, die Vorgaben dazu kommen – man wird es nicht glauben – natürlich vom Handballverein…
  • Und ein kleiner Blick zurück zur Sportstadt: Der Kunstrasenplatz (Bausumme 600.000 Euro) des Fußballvereins, des größten Vereins der Stadt, wurde übrigens mit 100.000 Euro gefördert. Dem einen so, dem anderen anders…

Über den Zaun geschaut

  • In Göttingen gibt es übrigens eine Sparkassen-Arena mit ca. 3200 Zuschauerplätzen, die auch von der gegenüberliegenden Schule als Sporthalle mitgenutzt wird.
  • Diese Sporthalle mit der vierfachen Kapazität der geplanten Halle in Northeim hat übrigens 7,5 Millionen Euro gekostet – vor ca. 6-7 Jahren.
  • Auch der Northeimer Handballverein hat dort schon gespielt – die Resonanz war sehr gut: in beiden Fällen mehr als 2000 Zuschauer – da bekommt man einen Eindruck vom möglichen Publikum.
  • Schuhwallhölle hin oder her – das Potential ist viel größer als das, das die ‚popeligen‘ 750 Plätze in Northeim abdecken würden. Die Möglichkeiten, die Zuschauermengen der Großstadt Göttingen mit zu nutzen – das wäre der Weg in eine Handballzukunft mit Aufstiegschancen; und angesichts der Gelder, die für den Betrieb gebraucht werden, müssen diese Zuschauer her – und damit auch die Aufmerksamkeit der möglichen Sponsoren. 

An den Stadtrand geschaut

  • Und wenn man in Northeim etwas größer denken möchte, dann sollte man einmal dieses Planspiel beurteilen:
  • Die Oberschule Northeim ist im gleichen Alter wie die Sporthalle, also marode, aber instandgesetzt. Die Schülerzahlen der Oberschule werden nicht mehr steigen, der Zug zu höheren Abschlüssen wird weiter anhalten, ebenso wie der Rückgang der Geburtszahlen.
  • Warum wird die Oberschule nicht in das Schulzentrum am Südende der Stadt integriert?
  • Jenseits des Martinsgrabens ist gerade die Bebauung freigegeben – zumindest realistisch für die 30 Sahnebonbon-Bauplätze, mit denen sich verdienen lässt. Die Flächen für den Geschosswohnungsbau sind einfach da, aber ohne Interessenten. Und gleichzeitig werden auf der gegenüberliegenden Seite der Straße etliche der vorhandenen und leerstehenden 500 Wohnungen renoviert…Warum wird eine zentrale Sporthalle dann nicht dort geplant, die natürlich wiederum auch als Sporthalle für das Schulzentrum genutzt werden kann?
  • Die Erreichbarkeit dieser Sporthalle – auch aus Richtung Göttingen – wäre optimal, kein Verkehr würde in die Wohngebiete gezogen! Parkplätze rundherum? Überhaupt kein Problem!
  • Und zurückgeschaut auf das Areal an der Arentsschildstraße/Schuhwall: hier wären dann innenstadtnahe Baugrundstücke auszuweisen, die sich in die vorhandene Siedlungsstruktur einpassen – Verdichtung der Bebauung statt ständig neuem Landschaftsverbrauch.
  • Wenn dann eine neue Halle am Stadtrand entsteht und die Schuhwallhalle moderat renoviert wird, wäre tatsächlich eine Erweiterung des Sporthallenangebots für alle Breitensportvereine erreicht – das hat vor kurzem auch Malte Schober versucht, in die Diskussion zu bringen; soweit ich es gelesen/gehört habe, allerdings ohne Resonanz.

Verschwiegene Fakten

  • Sollte es zu einem Abriss der Schuhwallhalle kommen, fällt wohl auch der westliche Anbau der Sporthalle: dort befindet sich das Blockheizkraftwerk der Stadtwerke, das vornehmlich das Hallenbad speist, aber auch Wärme/Strom an die Sporthalle abgibt.
  • Die Baukosten für ein neues Blockheizkraftwerk werden vorsichtshalber mal eben nicht erwähnt – zahlen ja auch die Stadtwerke – und damit wir als Stadtwerke-Kunden…
  • Die Lage einer neuen Sporthalle in einem Siedlungsgebiet führt auch zu der Verkehrswege-Frage: An- und Abfahrt zu der neuen Halle (mit hoffentlich vielen Veranstaltungen) führen durch kleine Anliegerstraßen: Liststraße, Arentsschildstraße und Baumschulenweg. Die sind dafür nicht ausgelegt und die Belastung der Anwohner ist dabei noch nicht einmal diskutiert.
  • Zwangsläufig muss ein Verkehrskonzept her, dass diese Frage zufriedenstellend löst: das kann eigentlich nur durch den direkten Zugang vom Friedrich-Ebert-Wall geschehen, der den Verkehr auf kurzen Wegen zu den Bundesstraßen führt; dazu müsste allerdings der Bahnübergang neben dem Hallenbad für den beidseitigen Verkehr vollkommen neu gebaut werden. Auch diese Kosten tauchen nirgendwo auf….

Hausaufgaben

  • Schon seit mindestens anderthalb Jahren ist die Stadtverwaltung aufgefordert einen Kostenvergleich Sanierung vs. Neubau vorzulegen. Soweit ich sehe: Fehlanzeige – oder radikaler ausgedrückt: Arbeitsverweigerung. Der Bürgermeister Simon Hartmann hat zwar in letzter Zeit diese Variante wieder in die Diskussion gebracht, aber von konkreten Ergebnissen habe ich noch nichts gehört.
  • Die energetische Sanierung der Schuhwallhalle ist ja ein beliebtes Mittel, um die ‚Marodität‘ herbeizureden; war im letzten Jahr aufgrund einer Anfrage der SPD-Fraktion noch ein durchschnittlicher Heizungsverbrauch von 50.000 Euro genannt, legte Herr Dodenhöft vor wenigen Wochen auf einmal 75.000 Euro vor – ich weiß nicht woher?
  • Wenn man den Verbrauch auf 25.000 Euro verringern könnte durch energetische Sanierung, dann wäre ein Invest von 1 Million ja schon nach 40 Jahren amortisiert…hier wäre besser etwas weniger als etwas mehr zu tun.
  • Vom Handballbund wird ja die Abmessung der Halle kritisiert: 40 cm zu wenig Auslaufraum hinter den Toren. Hieß es zuerst: keine Gnade vom DHB, so ist diese nun bis 2020 gewährt…; was ich mich frage: gibt es wirklich keine Möglichkeit, die Wand etwas zu versetzen, damit diese lächerlichen 40 oder 80 cm gewonnen werden? Und wegen 40 cm eine neue Halle bauen…lächerlicher geht’s nimmer… — und es gibt ja die Sparkassen-Arena in Göttingen…siehe oben!
  • Wenn alles nichts hilft, dann gibt es ja noch die Brandschutzschau – oder so ähnlich, damit hat man schon ganz andere Gebäude flachgelegt. Man hüte sich nur davor, den obersten Brandschützer durch die Häuser der Innenstadt zu schicken…auf der anderen Seite könnte das helfen, die 500 Wohnungen in der Südstadt zu füllen…

Das demokratische Procedere

  • Bislang war ich immer davon ausgegangen, dass ein Neubau-Projekt der Kommune von dieser vorbereitet wird in Form eines Anforderungs- bzw. Leistungskatalogs.
  • Bei großen Projekten gibt es dann einen Entwurfs- bzw. Architektenwettbewerb, wobei der beste oder kostengünstigste Entwurf von den politischen Gremien ausgewählt wird.
  • Die Diskussion darüber findet im öffentlichen Raum statt und kann von allen verfolgt, diskutiert und kritisiert werden. Soweit die Theorie
  • Im Fall des vorliegenden 12-Millionen-Entwurfs kann ich diese Vorgehensweise nicht erkennen: Da spricht am Rande einer Veranstaltung die Landrätin (die Zuschussgeberin immerhin) mit dem Sparkassen-Direktor über die Sporthalle. Der erklärt sich bereit, einmal ein Architektenbüro auf Kosten der Sparkasse darüber zu befragen. Den Anforderungskatalog (wohl inklusive des belächelten VIP-Bereichs) lässt der Sparkassendirektor mal eben vom Vereinschef des Handballclubs anreichen. Und präsentiert dann den Entwurf einer Lokalpolitik, die das völlig (positiv?) überrascht entgegennimmt und fortan als Stand und Grundlage der Diskussion verwendet.
  • Transparente Prozesse sehen für mich anders aus…
  • Ja, und zum guten Schluss, bevor es irgendetwas Belastbares gibt, kommt auch noch ein temporärer Fördertopf in Sicht – 100 Millionen für die Republik, und sofort glaubt jemand, dass man für die ungelegten Eier in Northeim daraus schnell die maximale Fördersumme von 2 Millionen abziehen kann, also Eilentscheid etc., ohne irgendetwas in der Hand zu haben – da freut man sich doch, wenn es wenigstens einen privaten Entwurf gibt. So setzt man sich selbst unter Druck und Zugzwang… für 2 Millionen von einer nicht genau zu bezifferten Bausumme ohne Folge- und Zusatzkosten…  

Angesichts des – meines Wissens – größten öffentlichen Bauprojekts der zumindest letzten 20 Jahre sollte hier statt der operativen Hektik der Jagd auf dubiose Fördergelder und des populistischen Ritts auf der kleinen Erfolgswelle der Handballer eine strategische und geordnete Planung Einzug halten. Wenn man also über den Tag hinaus denkt, dann wäre das o.a. Planspiel sicher diskussionswürdig:
– Die Stadt renoviert die Schuhwallhalle
– Die Handballer weichen ab 2020 in die Göttinger Sparkassenarena aus (oder früher)
– Die Oberschule Northeim wandert an den Wieter ins Schulzentrum des Kreises, die weniger gut erhaltenen Teile werden abgerissen, in den renovierten Teilen könnte man so etwas wie ein Gründerzentrum zu subventionierten Mietpreisen etablieren oder es anderen sozialen Zwecken zuführen (Begegnungszentrum, Alten-Tagespflege o.ä.).
– Die Stadt weist rund ums Hallenbad innenstadtnahe Grundstücke für sozialen Wohnungsbau und Reihenhausbesiedlung aus, ggf. mit zentraler Wärme- und Energieversorgung durch die Stadtwerke
– Der Landkreis baut südlich des Martinsgrabens eine zusätzliche Sporthalle, die zusammen mit der Sparkasse, dem Handballverein und interessierten Veranstaltern wie z.B. Tomas Sniadowski zu einer Event-Arena ausgebaut wird.

Win-Win-Win?

…Und ein Update:

Da wird doch jetzt (Mitte Oktober 2018) nochmal ein Gang draufgelegt, um die Sache mit dem Neubau ‚durchzupeitschen‘, ohne dass wirklich Überlegens- und Beratungszeit für das Kontroll- und Entscheidungsorgan Stadtrat gegeben ist.

Nachdem die Bauverwaltung seit fast zwei Jahren den Auftrag verweigert, eine Renovierungskonzeption für die alte Schuhwallhalle vorzulegen und zu bepreisen, kommt eine Schätzung in die Diskussion (nur kurz vor der Ausschusssitzung verteilt und wahrscheinlich von den meisten noch nicht einmal gelesen), die man nur als Farce eines Konzepts zur ‚Ertüchtigung‘ des Altbaus‘ bezeichnen kann. Statt eine Alternative vorzulegen, wird einfach eine Schätzung abgegeben, die genau die Features des Neubaus an den Altbau anlegt, also nichts anderes ist als eine Variante des Neubaus im Altbau unter Einbeziehung einiger Grundmauern. Dass das zu ähnlichen Preisen führt, wird niemanden verwundern.

Abgesehen davon, dass es ein Unding ist, eine derartige Schätzung überhaupt in Auftrag zu geben, die statt eigener Anforderungen der Stadt wieder nur den Wunschzettel des NHC/DHB als Grundlage  hat, kommt dann noch hinzu, dass damit just das Architekturbüro beauftragt wird, dass auch die Privatschätzung des Neubaus vorgenommen hat. Mancher hätte sicher gern eine Zweitmeinung gesehen…

Aber wie sollte das Büro auch ein Sanierungskonzept erstellen: Das Gutachten ist auf der Basis der Baupläne und einiger Fotos entstanden, niemand hat vor Ort das Gebäude besichtigt – ohne Kommentar…

10-15 Millionen im Schweinsgalopp ausgeben, weil damit 16 Stunden Handball-Spiele pro Jahr möglich bleiben? Dafür gibt es einen ganz einfachen Ausweg, der jede Zeit für die Entscheidung und Planung lässt – wie bereits 2x geschehen (mit mehr als 2000 Zuschauern): die Heimspiele werden in der Sparkassen-Arena in Göttingen ausgetragen – übrigens finden dort 3200 Zuschauer Platz, in einer Halle die vor wenigen Jahren für 7,5 Millionen Euro erbaut wurde.